Tag 4 auf der Explora: Tenderstress, Tenderloin & Steinway 

Tag 4 auf der Explora: Tenderstress, Tenderloin & Steinway 

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Tag 4 begann wie immer mit dieser eigentümlichen Ruhe, die nur Kreuzfahrtschiffe am frühen Morgen hinbekommen. Die Gänge waren fast leer, irgendwo summte leise eine Klimaanlage und selbst das Mittelmeer wirkte heute ungewöhnlich entspannt. Draußen zeichnete sich Sardinien langsam am Horizont ab. Erst nur eine blasse Linie im Dunst, dann nach und nach Berge, Küsten und kleine helle Flecken in der Ferne.h

Während andere Schiffe morgens oft hektisch wirken, lief auf der Explora alles beinahe meditativ ab. Kleine Gruppen sammelten sich bereits für die gebuchten Expeditionen an Land. Menschen mit Strohhüten, perfekt sitzender Resortkleidung und erstaunlich professionellen Sonnenbrillen bewegten sich ruhig Richtung Tenderstation, als würde selbst das Ausschiffen hier Teil eines Wellnesskonzepts sein.

Carlexander und Briemma dagegen blieben erst einmal demonstrativ an Bord.

Das bedeutete natürlich Frühstück.

Und „Frühstück“ bedeutete auf der Explora weiterhin eine leicht absurde Überversorgung. Im Emporium Marketplace warteten bereits meterweise Croissants, Pain au Chocolat, Donuts und Muffins in einer Perfektion, die aussah, als hätte jemand ein französisches Backwarenmuseum eröffnet. Daneben frisch gepresste Säfte mit Namen wie „Rise & Shine“ oder „Pure Immunity“, die alle klangen, als würde man danach entweder gesund oder spirituell gereinigt sein.

Briemma blieb kurz vor der Juice-Bar stehen und musterte die Karte.

„Das ist kein Frühstück mehr“, sagte sie trocken. „Das ist LinkedIn für Obst.“

Carlexander hatte sich währenddessen längst an der Fischstation verloren. Lachs. Hering. Geräucherte Makrele. Rote Zwiebeln. Irgendwelche nordischen Spezialitäten, die aussahen, als hätte man sie direkt aus einer skandinavischen Hafenbar importiert. Dazu Kaffee und Orangensaft in einer Kombination, die ernährungsphysiologisch vermutlich Fragen aufwarf.

Anschließend ging es langsam durch das Schiff, vorbei an fast leeren Lounges und diesem merkwürdig stillen Indoor-Poolbereich unter Glasdach, der wirkte, als hätte ein Architekt versucht, ein Luxus-Spa mit einem futuristischen Wintergarten zu kombinieren.

Draußen konnte man inzwischen beobachten, wie die ersten Tenderboote elegant vom Schiff wegzogen. Kleine rote Punkte auf tiefblauem Wasser, während die Gäste entspannt Richtung Sardinien übersetzten und die Explora langsam hinter ihnen kleiner wurde.

Carlexander lehnte am Fenster und beobachtete das Schauspiel.

Keine Hektik. Kein Gedränge. Keine Menschen mit panischem „Wir müssen sofort runter vom Schiff“-Energie.

Nur Sonne, Meer, Espresso und das beruhigende Gefühl, dass andere gerade organisiert ausbooteten, während man selbst noch gemütlich zwischen Croissants und Fischplatte saß.

Während Briemma noch spontan beschloss, ihre Pfoten in Richtung Wellnessbereich zu tragen, hatte Carlexander bereits die einzig vernünftige Kreuzfahrtentscheidung des Vormittags getroffen: Schattenplatz sichern und regungslos werden. Das obere Deck lag fast leer da, nur vereinzelte Gäste bewegten sich mit jener langsamen Eleganz durch die Sonne, die Menschen entwickeln, sobald sie mehrere Tage hintereinander All-inclusive-Frühstück konsumiert haben. Zwischen den weißen Daybeds wehte warme Meeresluft hindurch, irgendwo klapperte leise ein Handtuchhalter, und das Schiff schob sich ruhig durch dieses vollkommen übertriebene Mittelmeerblau.

„Ich bin gleich zurück“, sagte Briemma und hob eine Pfote.
„Das sagen Menschen vor kosmetischen Maßnahmen immer“, murmelte Carlexander bereits halb im Daybed versunken.
„Es ist nur Pediküre.“
„So beginnen Infrastrukturprojekte auch.“

Eine Stunde später kehrte Briemma sichtbar zufrieden zurück. Die Pfoten geschniegelt, die Stimmung stabilisiert und offensichtlich überzeugt davon, dass Sardinien ihre Anwesenheit nun besser verkraften könne. Carlexander hingegen hatte sich in der Zwischenzeit kaum bewegt und sah inzwischen aus wie ein beige farbener Philosoph auf Wellnessurlaub.

Dann begann das Tendern.

Unten am Ausgang sammelten sich langsam die Passagiere. Niemand wirkte hektisch, aber alle hatten diesen leicht angespannten Blick von Menschen, die gleichzeitig luxuriös und organisiert wirken möchten. Durch die Fenster sah man bereits die kleinen Tenderboote an der Plattform schaukeln, während Crewmitglieder mit stoischer Ruhe Menschenströme sortierten wie Flughafenpersonal auf sehr teurem Betriebsausflug.

Die Passagierin gegenüber im Boot war zunächst noch bester Laune.
„Ach wie schön!“, sagte sie begeistert und zog sofort ihr Handy hervor. „Das ist ja wie ein kleiner Ausflug.“
Neben ihr nickte ihr Mann vorsichtig.
„Ja. Sehr maritim.“

Das Boot löste sich vom Schiff und begann über die Wellen Richtung Porto Cervo zu springen. Anfangs noch sanft. Dann etwas energischer. Der Kapitän schien persönlich beleidigt von jeder Welle, die nicht mit maximalem Tempo genommen wurde.

Die Frau lächelte noch zwei Minuten tapfer weiter. Danach wurde sie auffallend still.

Carlexander beobachtete, wie ihr Gesicht langsam denselben Farbton annahm wie die Innenverkleidung des Tenderboots.
„Alles okay?“, fragte Briemma vorsichtig.
„Natürlich“, antwortete die Frau mit jener Stimme, die Menschen kurz vor einer Katastrophe benutzen. „Mir ist überhaupt nicht schlecht.“

Das Boot sprang erneut hart auf eine Welle.

Ihr Mann sah inzwischen ebenfalls leicht besorgt aus.
„Vielleicht war der dritte Cocktail gestern…“
„Es waren nur zwei.“
„Du hast den Aperol vor dem Dinner vergessen.“
„Das war ein Aperitif.“

Wieder krachte das Boot in die nächste Welle. Einige Passagiere blickten plötzlich demonstrativ starr geradeaus wie Menschen in einem Flugzeug bei Turbulenzen.

Carlexander lehnte sich leicht zu Briemma.
„Spannend. Gestern noch alle Champagner-Souveränität und heute kämpfen sie gegen die Schwerkraft in einem Rettungsboot.“
Briemma grinste.
„Luxus endet offenbar exakt bei Wellengang.“

Als Porto Cervo näherkam, wurde die Stimmung schlagartig besser. Plötzlich richteten sich Sonnenhüte wieder auf, Sonnenbrillen wurden korrigiert und Menschen begannen erneut so zu tun, als hätten sie die letzten zwanzig Minuten nicht innerlich mit dem Mittelmeer verhandelt.

Kaum an Land angekommen, schlug einem sofort diese spezielle Porto-Cervo-Atmosphäre entgegen. Alles wirkte geschniegelt, geschniegelt genug, um fast schon wieder künstlich zu sein. Kleine Boutiquen reihten sich aneinander, überall gepflegte Natursteinfassaden, perfekt gestutzte Büsche und Menschen, die aussahen, als hätten sie noch nie einen schlechten Cappuccino erlebt.

Und mittendrin liefen Briemma und Carlexander leicht verstrahlt vom Seegang durch die sardische Mittagshitze und suchten erstmal Orientierungsschilder wie normale Touristen. Luxus hin oder her. Irgendwo endet jede Expedition doch wieder bei der Frage: „Wo gehen wir jetzt eigentlich hin?“

Je länger Carlexander und Briemma durch Porto Cervo liefen, desto stärker entstand das Gefühl, dass hier irgendwann einmal ein echtes sardisches Dorf existiert haben musste, bevor Investoren beschlossen hatten, daraus eine Mischung aus Yachthafen, Luxuskulisse und Freiluft-Shoppingcenter für Menschen mit sehr entspannten Kreditkartenabrechnungen zu machen.

Es war ein wenig wie Bad Münstereifel. Nur mit mehr Yachten, weniger Fachwerk und deutlich aggressiverem Leinenhemd-Anteil.

Auch dort hatte irgendwann jemand festgestellt, dass ein malerischer Ort mit Geschichte zwar nett sei, aber noch netter werde, wenn man überall Boutiquen, Designerläden und strategisch platzierte Cafés einbaue, damit Menschen in pastellfarbenen Sommeroutfits langsam an Schaufenstern vorbeigleiten können, während sie innerlich begründen, warum man jetzt unbedingt noch italienische Espadrilles für 480 Euro brauche.

Porto Cervo perfektionierte dieses Konzept allerdings fast klinisch. Alles wirkte gleichzeitig wunderschön und leicht künstlich. Die Wege waren zu sauber, die Pflanzen zu perfekt arrangiert und selbst die Kakteen standen vermutlich in einem besseren Versicherungsverhältnis als manche deutsche Mittelständler.

Zwischen mediterranen Natursteinmauern, kleinen Brücken und blühenden Wegen bewegte sich eine internationale Mischung aus Yachtbesitzern, Kreuzfahrttouristen und Menschen, die aussahen, als hätten sie „Sommer auf Sardinien“ hauptberuflich gelernt. Dazwischen liefen Briemma und Carlexander mit der Orientierungskompetenz zweier leicht dehydrierter Freizeitwanderer durch ein Labyrinth aus Luxus und Landschaftsarchitektur.

Besonders faszinierend war die völlige Abwesenheit von normalem Alltag. Keine Supermärkte, keine schiefen Häuser, keine Ramschläden, keine Dinge, die versehentlich praktisch wirkten. Stattdessen Schilder mit Namen wie „Promenade du Port“, kleine Kunstgalerien und Boutiquen, deren Eingänge aussahen, als müsse man mindestens drei geerbte Immobilien besitzen, um überhaupt eintreten zu dürfen.

Und trotzdem funktionierte der Ort. Vielleicht gerade deshalb. Porto Cervo wirkte wie eine künstlich erschaffene Parallelwelt für Menschen, die entschieden hatten, dass Realität insgesamt ein etwas überbewertetes Konzept sei.

Zwischen Boutique-Arkaden, Designerstoffen und klimatisierten Luxuswelten trafen Carlexander und Briemma plötzlich auf die eigentlichen Bewohner Porto Cervos: Katzen. Keine aufdringlichen Hafenkatzen, sondern entspannte, fast aristokratisch wirkende Fellwesen, die aussahen, als hätten sie sich längst damit abgefunden, zwischen Louis Vuitton und Yachtbesitzern zu leben.

Eine besonders flauschige schwarze Katze saß direkt vor einer Boutique wie ein schlecht gelaunter Sicherheitschef der oberen Mittelschicht und musterte vorbeiziehende Touristen mit jener stillen Verachtung, die sonst nur italienische Kellner und langjährige Projektmanager beherrschen.

Währenddessen begann bei Briemma langsam die Eskalation.

Zunächst unauffällig. Ein kurzer Blick in ein Schaufenster. Dann noch einer. Danach ein leises „Oh nein, schau mal die Tasche“. Wenige Minuten später stand man versehentlich mitten in einer Louis-Vuitton-Boutique und betrachtete eine Uhr in einer Schatulle, die aussah, als würde darin normalerweise ein internationaler Friedensvertrag aufbewahrt werden.

Die Außentemperatur lag inzwischen irgendwo zwischen „mediterran“ und „aktive Backofenumgebung“, was Briemmas Kaufimpulskontrolle zunehmend destabilisiert hatte. Porto Cervo wirkte ohnehin wie ein Ort, der gezielt dafür gebaut worden war, Menschen langsam weich zu kochen, bis sie plötzlich überzeugt waren, dass man selbstverständlich eine Strandtasche für den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens benötige.

Die Verkäuferin bemerkte die Lage professionell sofort. Noch bevor die Situation vollständig in einen spontanen Luxusgüter-Zwischenfall kippen konnte, erschien sie mit einem kalten Wasserglas, serviert mit der Ruhe einer Person, die vermutlich täglich leicht überhitzte Urlauber emotional von fünfstelligen Fehlentscheidungen heruntermoderiert.

Nach einigen Minuten, ausreichend Schatten und therapeutischer Flüssigkeitszufuhr stabilisierte sich Briemma wieder. Die globale Luxusindustrie hatte an diesem Nachmittag knapp überlebt.

Die Eskalation begann, wie viele finanzielle Fehlentscheidungen im Mittelmeerraum beginnen: harmlos, klimatisiert und begleitet von sehr freundlichem Personal. Briemma stand bereits mit dieser gefährlichen Mischung aus Sommerhitze, Designerbeleuchtung und emotionaler Entschlossenheit vor einer Tasche, während die Verkäuferin mit professioneller Ruhe das Leder präsentierte, als würde gerade ein diplomatischer Friedensvertrag unterzeichnet.

Die Kreditkarte verschwand im Terminal. Ein leises Piepen. Genehmigt.

Erst danach kam die obligatorische Frage.

„Darf ich die kaufen?“

Carlexander sah auf die bereits verpackte Tasche.

„Ich glaube, wir befinden uns zeitlich bereits hinter dieser Entscheidung.“

Die Verkäuferin stellte wortlos ein Glas kaltes Wasser vor Briemma ab. Vermutlich nicht zum Trinken, sondern als medizinische Sofortmaßnahme gegen spontane Luxusüberhitzung. LV war kurz eskaliert. Die Außentemperatur von Sardinien hatte dabei erkennbar als Brandbeschleuniger fungiert.

Wenig später liefen beide weiter durch Porto Cervo, vorbei an Hibiskusbeeten, cremefarbenen Fassaden und Schaufenstern, die aussahen, als hätten Innenarchitekten dort ihre letzten moralischen Hemmungen verloren. Überall Bougainvillea, Terrakotta, makellose Wege und Menschen, die mit exakt jener Langsamkeit spazierten, die nur entsteht, wenn irgendwo eine Yacht im Gegenwert eines mittelständischen Betriebs wartet.

Auf dem zentralen Platz lief währenddessen eine folkloristische Aufführung für Touristen. Menschen in traditionellen Gewändern tanzten synchron vor Blumenbögen, während rundherum Smartphones in die Höhe gehalten wurden.

„Authentisch“, sagte Briemma.

„Ja“, antwortete Carlexander. „Authentisch genug, dass vermutlich gleich jemand mit EC-Gerät für kulturelle Nachhaltigkeit herumgeht.“

Die Musik spielte. Die Tänzer lächelten professionell. Irgendwo klapperten Aperolgläser. Es wirkte weniger wie ein echtes Dorffest und mehr wie die Premium-Version eines Sardinien-Screensavers.

Später unten am Strand wartete bereits die nächste moderne Naturgewalt: Influencer. Menschen posierten millimetergenau am Wasser, hielten Sonnenbrillen dramatisch in die Luft und blickten konzentriert aneinander vorbei in imaginäre Horizonte.

Eine junge Frau stand in einem tropisch bedruckten Kleid direkt an der Wasserkante und hob langsam die Hand für vermutlich den zwölften „spontanen“ Take des Tages.

„Ich glaube, sie filmt gerade Freiheit“, murmelte Carlexander.

„Oder Sonnencreme.“

Über allem saß eine Krähe auf einem Geländer und beobachtete schweigend die gesamte Szenerie. Die einzige Kreatur in Porto Cervo, die an diesem Nachmittag ehrlich wirkte.

Mit zwei Tüten mehr, einem roten Kleid weniger im Schaufenster und einer leicht angeschlagenen Beziehung zur finanziellen Vernunft ging es langsam zurück Richtung Tenderpier. Briemma hatte unterwegs noch mindestens fünfmal stehen bleiben müssen, um „nur kurz“ weitere Boutiquen zu inspizieren. In Porto Cervo bedeutete „nur kurz“ allerdings meist eine halbe Stunde und potenziell einen mittleren Leasingvertrag.

Vor einem Schaufenster mit einem orangefarbenen Kleid blieb sie erneut stehen.

„Das hätte ich auch tragen können.“

Carlexander betrachtete das Kleid.

„Das Kleid sieht aus, als würde es automatisch einen Aperol verlangen.“

„Du verstehst Mode einfach nicht.“

„Doch. Das Kleid kostet vermutlich mehr als mein erstes Auto.“

Zwischen Designerfassaden, surreal gepflegten Pflanzen und Kunst an Hauswänden wirkte Porto Cervo weiterhin wie ein Ort, an dem selbst Graffiti vorher mit einem Innenarchitekten abgestimmt werden mussten. Über den Gassen hing diese eigentümliche Mischung aus Luxus, Sonnencreme und kalkulierter Lässigkeit, die Menschen automatisch langsamer laufen ließ.

Am Tender wartete dann bereits der eigentliche Endgegner des Tages: ein übermotivierter Steuermann mit der emotionalen Grundhaltung eines Freizeitparkbetreibers.

Kaum hatte das Boot abgelegt, begann er konsequent jede einzelne Welle mitzunehmen, als hätte jemand intern einen Highscore ausgeschrieben. Das kleine Tenderboot sprang über das Wasser, während draußen die Explora langsam kleiner und gleichzeitig erstaunlich weit weg aussah.

Briemma hielt sich am Sitz fest.

„Fährt der uns zurück oder entführt der uns?“

Das Boot krachte in die nächste Welle.

„Ich glaube“, sagte Carlexander trocken, „er sieht das hier weniger als Transport und mehr als persönliche Mission.“

Vorne grinste der Steuermann zufrieden in die Sonne und beschleunigte noch einmal leicht. Irgendwo hinter ihnen quietschte Gepäck. Eine ältere Dame hielt demonstrativ beide Hände an ihren Sonnenhut, als befände sie sich in einer mittelschweren Evakuierung.

Durch das kleine Fenster tauchte schließlich wieder die Explora auf. Ruhig. Groß. Unbeweglich. Wie ein luxuriöses Verwaltungsgebäude für Menschen mit zu viel Freizeit.

Zurück an Bord wirkte plötzlich alles absurd still. Klimaanlage. Gedämpftes Licht. Designerlounges. Menschen, die leise Champagner tranken, als hätte draußen nicht gerade jemand versucht, mit einem Tenderboot die Rallye Monte Carlo auf See nachzustellen.

Nach der Rückkehr an Bord folgte konsequent Phase zwei des Tagesplans: kontrollierte kulinarische Eskalation. Während draußen die Sonne auf das fast absurd ruhige Pooldeck brannte und vereinzelte Gäste bewegungslos auf Liegen lagen wie sehr gut gepflegte Kunstinstallationen, begann drinnen langsam die übliche Diskussion darüber, worauf man eigentlich Hunger hatte.

„Nur eine Kleinigkeit“, sagte Briemma.

Das bedeutete auf der Explora erfahrungsgemäß ungefähr sieben Stationen und eine emotionale Bindung zu mindestens zwei Desserts.

Im Marketplace roch es gleichzeitig nach Pizza, Brühe, frisch gebackenem Teig und diesem schwer definierbaren Luxusduft aus Klimaanlage, teurem Holz und Menschen, die niemals Tabletts hektisch balancieren mussten. Hinter Glas lagen Pizzen, Tempura, Fisch und Sushi so ordentlich arrangiert, als würden sie gleich fotografiert und nicht gegessen werden.

Carlexander blieb vor den Fischen stehen.

„Der da schaut mich an, als wüsste er, was die Suite pro Nacht kostet.“

„Vielleicht urteilt er.“

„Zu Recht.“

Briemma war währenddessen bereits strategisch weitergezogen und stand vor den handgefertigten Nudeln.

„Die mit Trüffeln sehen gut aus.“

„Du hast eben gesagt, du willst nur eine Kleinigkeit.“

„Das IST eine Kleinigkeit.“

„Das ist eine italienische Flächenversiegelung.“

Am Ende landete trotzdem alles gleichzeitig auf dem Tisch. Udon mit Tempura. Sushi. Nudeln. Irgendwo später noch Sorbet. Der typische Kreuzfahrtmoment, in dem man aufhört, Kategorien wie Vorspeise oder Hauptgericht ernst zu nehmen und stattdessen einfach akzeptiert, dass der Tag kulinarisch in freien Iterationen organisiert wird.

Das Tempura knackte perfekt, die Brühe war überraschend leicht und selbst das Sushi hatte diese unangenehme Qualität, bei der man kurz vergisst, dass man sich technisch gesehen mitten auf dem Meer befand.

Briemma probierte das Sorbet.

„Das ist gefährlich gut.“

„Das ist die gesamte Reise.“

Am Nebentresen stapelte ein Mitarbeiter routiniert Eiswaffeln mit der konzentrierten Ruhe eines Menschen, der täglich beobachtete, wie Erwachsene sich wegen Mango- oder Blood-Orange-Sorbet innerlich in Achtjährige verwandelten.

Später ging es langsam wieder durch die stillen Gänge zurück Richtung Suite. Teppiche gedämpft weich. Lichtleisten indirekt warm. Überall Orchideen, Glas und diese eigentümliche Ruhe, die Luxus offenbar immer ausstrahlen muss, damit niemand versehentlich an seinen Alltag denkt.

Nach dem Mittagessen führte der Weg nicht zurück zur Suite. Zumindest nicht direkt. Denn irgendwo zwischen Sushi, Sorbet und klimatisierter Selbsttäuschung lag noch die bordeigene Kunstgalerie. Ein Ort, an dem Menschen langsam mit verschränkten Armen vor Bildern standen und so wirkten, als würden sie entweder große Kunst verstehen oder gerade heimlich den Preis googeln.

Carlexander blieb vor einem leuchtend orangefarbenen Hummerbild stehen.

„Das Tier sieht aus, als hätte es mehr gekostet als mein erstes Auto.“

Briemma schaute auf das kleine Schild daneben.

„Nicht nur dein erstes.“

Die Galerie zog sich in geschwungenen Gängen durch das Schiff, warm beleuchtet, still, weich gedämpft wie ein sehr luxuriöses Museum, das versehentlich auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet war. Überall große Leinwände, glänzende Rahmen und diese kleinen weißen Preisschilder, die man instinktiv erst ignoriert und dann doch liest, nur um anschließend kurz die Kontrolle über den eigenen Gesichtsausdruck zu verlieren.

Ein roter Ferrari vor Palmen. New Yorker Skylines. Venezianische Sonnenuntergänge. Blumenporträts. Zebras mit Designerbrillen. Dazwischen immer wieder Gäste, die langsam nickten, als würden sie ernsthaft überlegen, ob man spontan ein Gemälde in Suite-geeigneter Größe erwerben sollte.

„Das Bild kostet ungefähr einen Golf GTI.“

„Welchen?“

„Mit Ausstattung.“

Briemma blieb vor einem riesigen Frauenporträt mit floralem Kopfschmuck stehen.

„Das ist schön.“

„Das ist finanziell aggressiv.“

„Du bist heute erstaunlich emotional bei Kunst.“

„Ich bin emotional bei Preisen.“

Im unteren Atrium glänzte die Lobby Bar wie eine Mischung aus Luxushotel, Designmagazin und stiller Steueroptimierung. Hinterleuchtete Flaschenwände zogen sich über zwei Decks nach oben, während unten kaum jemand saß. Alles wirkte ruhig. Zu ruhig. Als hätte das Schiff kollektiv beschlossen, Hektik sei geschmacklos.

Carlexander lehnte sich über das Geländer und blickte nach unten.

„Eigentlich verrückt.“

„Was?“

„Dass man hier durch eine Galerie läuft, auf ein Kunstwerk zeigt und theoretisch sagen könnte: Das nehme ich.“

Briemma grinste.

„Und praktisch?“

„Praktisch nehme ich noch ein kostenloses Sorbet.“

Durch die leeren Gänge ging es wieder zurück in die Suite und zur Entspannung in den Whirlpool.

Das letzte Tenderboot wurde direkt unter der Terrasse eingeholt. Langsam schob sich das rote Boot durch das fast unwirklich blaue Wasser, während oben auf den Balkonen Menschen standen und zusahen, als würde gerade eine sehr luxuriöse Version von „Feierabend“ stattfinden. Für Carlexander war das der eindeutige Hinweis, den Whirlpool zu verlassen. Schließlich konnte man schlecht gleichzeitig elegant entspannen und dabei aussehen wie ein verkochter Hummer.

Also zurück in die Suite, frisch machen, Sakko richten, Kleid zurechtziehen und langsam Richtung Marble & Co. gleiten. Das Steakrestaurant wirkte wie die stilisierte Vorstellung eines New Yorker Steakhauses, entworfen von Menschen, die sehr viel Geld und sehr wenig Interesse an Neonbeleuchtung hatten. Dunkles Holz, gedämpftes Licht, schwere Gläser und Servicepersonal, das sich bewegte, als hätte jemand „diskrete Perfektion“ als Schulungsunterlage verteilt.

Rachel erklärte freundlich und mit bemerkenswerter Geduld jede Feinheit der Karte. Dry Aging. Herkunft. Garstufen. Texturen. Dazu erschien der Sommelier mit dem enthusiastischen Blick eines Mannes, der innerlich bereits drei Jahrgänge dekantiert hatte. Er empfahl einen „gar nicht so teuren“ Wein aus der Toskana und erwähnte beiläufig auch das exklusive Weintasting am Seetag, bei dem selbstverständlich nur die besonders hochwertigen Tropfen ausgeschenkt würden.

Carlexander übersetzte den gesamten Vortrag für Briemma mit wachsender Präzision und sinkender emotionaler Stabilität.

„Er sagt, der Wein hat mineralische Noten.“

„Aha.“

„Und angeblich ein sehr langes Finish.“

„Klingt gut.“

„Und er kostet ungefähr eine kleine Waschmaschine.“

Briemma schaute kurz auf die Karte.

„Aber reduziert.“

Der Sommelier lächelte professionell. Carlexander lächelte defensiv.

Als Briemma schließlich überzeugt nickte und die Flasche ernsthaft in Betracht zog, entwickelte sich Carlexander innerhalb weniger Sekunden fast zum überzeugten Antialkoholiker. Mit respektvoller Dankbarkeit wurde abgelehnt und stattdessen auf die inkludierten Glasweine gewechselt. Diese waren deutlich vernünftiger, allerdings auch geschmacklich ungefähr so inspirierend wie ein Businesshotel-Kugelschreiber.

Das Essen dagegen war absurd gut. Austern mit feiner Säure und salziger Frische. Glänzend karamellisierter Schweinebauch, der aussah wie Kunst und schmeckte wie eine sehr gute Lebensentscheidung. Danach perfekt gebratene Steaks, saftig, intensiv und genau an diesem Punkt zwischen „hochwertig“ und „unverschämt gut“, an dem man plötzlich still am Tisch sitzt und nur noch nickt.

Selbst die Beilagen wirkten, als hätten sie eigene Karriereziele. Cremiger Spinat, seidiges Kartoffelpüree, Gemüse mit tatsächlich vorhandenem Geschmack.

Carlexander lehnte sich zurück, betrachtete das halb leere Weinglas und seufzte zufrieden.

„Eigentlich gut, dass wir die Flasche nicht genommen haben.“

Briemma nickte.

„Dann hätten wir jetzt vermutlich auch noch die Galerie gekauft.“

Und als hätte der Abend beschlossen, sich selbst noch einmal übertreffen zu wollen, führte der Weg danach ins Theater. Gedämpftes Licht, tiefe Ledersessel, Cocktails auf kleinen Marmortischen und diese fast absurde Ruhe, die nur auf Schiffen existiert, wenn draußen alles dunkel und innen alles weich beleuchtet ist.

Dann kam Jon Michael auf die Bühne.

Ein Mann, ein Steinway und die völlige Weigerung, Grenzen zu akzeptieren. Er improvisierte mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte jemand sämtliche Regeln der Musik entfernt und ihm einfach freie Hand gegeben. Mal klang es nach Jazzbar in New York, dann plötzlich nach Filmsoundtrack, dann wieder nach klassischem Konzertsaal. Und zwischendurch erzählte er mit erstaunlich viel Wärme davon, dass man alles schaffen könne, wenn man einfach anfange. Kein Motivationsseminar-Gebrüll, sondern eher die ruhige Überzeugung eines Menschen, der sehr viele Dinge ausprobiert hat und offensichtlich nie aufgehört hat.

Besonders beeindruckend war dabei auch, wie selbstverständlich das Schiff insgesamt auf Inklusion ausgelegt ist. Breite Wege, durchdachte Zugänge, spezielle Sitzbereiche und eine Atmosphäre, in der Menschen mit Einschränkungen nicht „mitgedacht“, sondern offensichtlich direkt eingeplant wurden. Ohne großes Aufheben. Einfach funktionierend. Was auf Reisen erstaunlich selten selbstverständlich ist.

Wir saßen mit unseren Drinks im Halbdunkel, ein Single Old Fashioned vor uns, dazu diese geniale Klaviermusik, die durch den Raum floss wie warmer Bernstein. Irgendwann hörte man kaum noch Gespräche, nur noch das Piano und gelegentlich das leise Klirren von Eiswürfeln in schweren Gläsern.

Carlexander lehnte sich zurück, blickte auf die Bühne und sagte leise:

„Eigentlich verrückt. Man fährt wegen des Meeres los und bleibt am Ende wegen eines Mannes am Klavier sitzen.“

Briemma nickte langsam.

„Und wegen der Cocktails.“

„Natürlich wegen der Cocktails.“