Tag 6 auf der Explora:
Zwischen Sunset, Steakmessern und stillen Wahrheiten
Fotoalbum Tag 7
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Am nächsten Morgen öffnete sich der Vorhang der Suite nicht zu türkisfarbenem Mittelmeerklischee, sondern zu ehrlicher Hafenromantik aus Beton, Kränen und abgestellten Transportbussen.

Livorno präsentierte sich wie ein Ort, an dem Container mehr Aufmerksamkeit bekamen als Touristen. Riesige Industriekräne warfen lange Schatten über Asphaltflächen voller Neuwagen. Zwischen Lagerhallen und Hafenanlagen lag die Explora fast ein wenig zu elegant, als hätte sich versehentlich ein Luxushotel in eine Betriebsausfahrt verirrt.
Carlexander trat auf den Balkon, betrachtete den gewaltigen Kran direkt vor dem Schiff und sagte trocken:
„Ah ja. Die berühmte toskanische Schwerlastästhetik.“
Briemma blickte auf die endlosen Reihen abgestellter Autos.
„Wenigstens authentisch. Kein Mensch versucht hier, irgendwas hübscher zu machen.“
Gerade das machte den Morgen seltsam angenehm. Keine überdrehte Urlaubskulisse. Keine folkloristische Inszenierung. Einfach Hafenbetrieb, Sonne und Ruhe.
Beim Frühstück setzte sich dieses Gefühl fort. Keine Schlangen. Kein hektisches Reservieren von Liegen. Keine Menschenmassen, die gleichzeitig versuchten, exakt denselben Shuttle zu erreichen. Stattdessen bewegte sich alles mit einer fast irritierenden Gelassenheit durch das Schiff.
Carlexander nahm einen Kaffee, sah auf die entspannten Gäste und sagte:
„Entweder sind alle noch erschöpft vom Dessert gestern oder dieses Schiff hat die Kreuzfahrtindustrie heimlich entkoppelt.“
Das Verlassen des Schiffs funktionierte ebenfalls nahezu erschreckend reibungslos. Kein Gedränge. Kein organisatorischer Nahkampf mit Ausflugsgruppen. Man ging einfach hinaus.
Briemma blieb kurz an der Gangway stehen, blickte zurück auf die Explora und dann wieder auf den grauen Industriehafen.
„Schon absurd“, sagte sie.
„Was denn?“
„Dass ein hässlicher Hafen nach so viel Luxus fast entspannend wirkt.“
Der Shuttlebus nach Livorno war fast leer. Keine aufgeregten Reisegruppen, keine hektischen Kreuzfahrtprozessionen mit Sonnenhut und Orientierungspanik. Nur ein paar verstreute Gäste, die still klimatisiert Richtung Innenstadt rollten, während draußen die Mittagssonne bereits begann, Asphalt und Beton weich zu kochen.
Livorno selbst wirkte zunächst wie eine Stadt, die nicht versuchte, irgendjemanden aktiv zu beeindrucken. Breite Straßen. Ockerfarbene Fassaden. Geschlossene Fensterläden. Kirchen, Verwaltungsgebäude und kleine Plätze, die aussahen, als hätten sie seit Jahrzehnten dieselbe Temperatur gespeichert.
Carlexander blieb kurz vor einer massiven Kirchenfassade stehen und blickte nach oben in den wolkenlosen Himmel.
„30 Grad. Kein Schatten. Hervorragende Idee für einen Stadtspaziergang.“
Briemma zog die Sonnenbrille zurecht.
„Du wolltest authentisches Italien.“
„Ja. Aber ich dachte eher an Pasta und Meerblick. Nicht an thermische Selbstfindung.“
Je weiter sie liefen, desto langsamer wurde die Stadt. Menschen saßen unter Bäumen auf kleinen Plätzen, tranken Espresso oder beobachteten einfach das Geschehen. Dazwischen alte Fassaden mit bröckelnder Eleganz, steinerne Tore, stille Innenhöfe und Kirchen, die selbst bei dieser Hitze eine gewisse kühle Ruhe ausstrahlten.
An einer Statue mit bronzenem Arbeiter blieb Carlexander stehen.
„Interessant“, sagte er.
„Was?“
„Selbst die Denkmäler sehen hier aus, als hätten sie Feierabend.“
Die Sonne stand mittlerweile brutal direkt über den Straßen. Zwischen den hellen Steinflächen flimmerte die Luft sichtbar. Selbst die hübschen Plätze wirkten leicht erschöpft.
Und trotzdem hatte Livorno etwas Eigenes. Keine perfekte Postkartenkulisse wie Portofino. Keine geschniegelt kuratierte Luxusfassade. Mehr Alltag. Mehr echte Stadt. Mehr Italien ohne Filter.
Briemma sah auf die halb geöffneten Fensterläden der alten Häuser.
„Irgendwie wirkt hier alles gleichzeitig schön und müde.“
Carlexander nickte langsam.
„Wie ein sehr stilvoller Sonntagmittag mit Kreislaufproblemen.“
Irgendwann fanden sie dann doch den einzigen Ort in Livorno, an dem noch so etwas wie Bewegung herrschte: die Marktstraße. Zwischen Arkaden, improvisierten Ständen und müden Sonntagsverkäufern schob sich eine Mischung aus Touristen, Familien und Einheimischen langsam durch die Hitze, als hätte die Stadt beschlossen, ihre komplette Restenergie genau hier zu konzentrieren.
Carlexander blickte auf die endlosen Reihen aus Oliven, Trockenfrüchten, Plastikspielzeug, Luftballons und Schmuckständen.
„Das also ist der pulsierende Kern der Stadt.“
Briemma deutete auf die wenigen geöffneten Geschäfte.
„Immerhin lebt hier noch irgendwas.“
Unter den Arkaden wurde es wenigstens kurz erträglicher. Schatten, etwas Luftzug und die angenehme Illusion, dass der Kreislauf eventuell doch nicht komplett kollabieren würde. Draußen flimmerte die Straße weiter in dieser italienischen Mittagshitze, bei der selbst parkende Autos aussahen, als würden sie langsam aufgeben.
Vor einem komplett abgesperrten Gebäudekomplex blieb Carlexander stehen.
„War das nicht der Central Market?“
Briemma sah auf die geschlossenen Eingänge und die Baustelle.
„Ja.“
Kurze Pause.
„Pfingstsonntag.“
Noch eine Pause.
„Das war vielleicht nicht die strategisch stärkste Idee.“
Carlexander nickte langsam.
„Wir fahren also mit einem leeren Shuttlebus in eine nahezu ausgestorbene Stadt, um einen geschlossenen Markt zu besuchen.“
„Korrekt.“
„Und laufen dafür freiwillig bei 30 Grad durch Betonstraßen.“
„Auch korrekt.“
Zwischen den wenigen offenen Ständen wirkte plötzlich selbst eine Tüte getrocknete Kiwi wie ein kulturelles Ereignis. Ein Schmuckladen unter den Arkaden glänzte dagegen mit der aggressiven Beleuchtung internationaler Kreuzfahrtzielgruppen: Silberketten, Bernstein, Türkis, glänzende Auslagen und genau die Art von Schaufenster, bei der man automatisch langsamer geht, obwohl niemand etwas kaufen wollte.
Ein alter, staubiger Fiat mit hochgestellten Scheibenwischern stand schief am Straßenrand und sah aus, als hätte er die letzten drei Sommer einfach akzeptiert.
Carlexander betrachtete den Wagen kurz.
„Das Auto beschreibt den Zustand meines Körpers mittlerweile erstaunlich präzise.“
Briemma lachte.
„Überhitzt und leicht beschädigt?“
„Nein. Funktioniert technisch noch irgendwie, aber nur aus italienischer Sturheit.“
Hinter der Marktstraße wurde Livorno plötzlich leiser. Die Touristen verschwanden, die Souvenirstände blieben zurück und irgendwo zwischen Kanälen, bröckelnden Fassaden und halb verblassten Hauswänden tauchte dann „Quartiere Venezia“ auf. Klein-Venedig. Zumindest theoretisch.
Carlexander betrachtete die schmalen Wasserstraßen mit den kleinen Booten und den alten Häusern, deren beste Jahrzehnte offensichtlich bereits historisch aufgearbeitet wurden.
„Also wenn das hier Klein-Venedig ist, dann reden wir von Venedig nach einer sehr schwierigen Scheidung.“
Briemma sah auf die Fassaden mit abgeplatztem Putz, wilden Kabeln und Graffiti.
„Es hat Charakter.“
„Ja. Hauptsächlich Feuchtigkeitsschäden.“
Dabei war die Gegend gleichzeitig seltsam schön. Die Kanäle glitzerten in der Mittagssonne, kleine Brücken spannten sich über das Wasser und zwischen den alten Mauern entstand immer wieder dieser kurze Moment, in dem man verstand, warum hier früher vermutlich einmal Wohlstand, Handel und mediterrane Eleganz existierten. Heute wirkte es eher wie ein pensionierter Hafenarbeiter, der sich weigert aufzugeben.
Vor einer besonders heruntergekommenen Häuserfront blieb Carlexander stehen.
„Dieses Gebäude sieht aus, als hätte es aktiv mehrere politische Systeme überlebt.“
Briemma nickte langsam.
„Und vermutlich drei Rohrbrüche.“
Sie liefen weiter am Kanal entlang, vorbei an einer Kirche, alten Mauern und kleinen Bootsanlegern, während die Sonne inzwischen jede Bewegung in eine sportliche Disziplin verwandelte. Selbst der Schatten wirkte erschöpft.
Auf dem Rückweg stolperten sie dann über ein älteres britisches Ehepaar, das mit sichtbar wachsender Verzweiflung auf eine Mischung aus Stadtplan, Handy und Straßenschildern blickte.

„Excuse me… shuttle bus to the port?“
Carlexander und Briemma sahen sich kurz an.
„Ah. Kollegen.“
Das Paar kam von der Azura der P&O Cruises und hatte sich beim Versuch verlaufen, „nur mal kurz die schöne Altstadt anzusehen“. Ein Satz, den inzwischen vermutlich viele Kreuzfahrtgäste wenige Stunden vor Hitzeschäden sagen.
Also liefen sie gemeinsam weiter Richtung Shuttle-Stopp. Währenddessen entwickelte sich überraschend schnell dieses typische Kreuzfahrt-Gespräch unter Gestrandeten: Woher kommt ihr, welches Schiff, wie viele Tage, welches Buffet besser ist und warum man grundsätzlich immer mehr läuft als geplant.
„Your ship looks much more luxurious,“ meinte der ältere Herr irgendwann mit einem Blick auf die Explora-Fotos.
Carlexander zuckte mit den Schultern.
„Yes. But apparently we all end up melting in the same Italian streets.“
Die beiden Briten lachten sofort. Wahrscheinlich auch aus Erschöpfung.
Als schließlich der Shuttlebereich wieder auftauchte, wirkte er fast wie eine Oase. Keine kulturelle. Keine schöne. Aber immerhin eine mit Rücktransport und Klimaanlage.
Am Shuttle-Stopp wartete dann die finale Prüfung des Tages: organisierter Kreuzfahrt-Massenverkehr bei 34 Grad. Und erst dort fiel überhaupt auf, dass nicht zwei Schiffe ihre Gäste zurücktransportieren wollten, sondern gleich vier gleichzeitig beschlossen hatten, genug Kultur für einen Nachmittag gesehen zu haben.
Vor den Bussen bildeten sich langsam diese speziellen Urlauberschlangen, die äußerlich ruhig wirken, innerlich aber bereits kurz vor den „Excuse me, we were here first“-Phasen stehen. Menschen mit Sonnenhüten, roten Gesichtern und literweise Frustration standen dicht gedrängt zwischen P&O-, MSC- und anderen Reisegruppen, während Busse immer nur kleine Tranchen der wartenden Masse aufnehmen konnten.
Carlexander beobachtete das Chaos kurz.
„Das hier ist keine Rückfahrt mehr. Das ist Evakuierung.“
Dann kam der Explora-Moment.
Während hunderte Menschen weiter warteten, wurden Explora-Gäste dezent identifiziert, aus der Menge herausgelöst und nahezu lautlos an den wartenden Kolonnen vorbeigeführt. Kein Gedränge. Kein Rennen. Eher eine Art diplomatischer Korridor durch die Verzweiflung anderer Reedereien.
Einige wartende Gäste blickten dabei mit jener Mischung aus Empörung und Resignation, die normalerweise nur Business-Class-Upgrades am Flughafen auslösen.
„Oh, that’s not fair“, murmelte irgendwo hinter ihnen eine Stimme.
Carlexander zog Briemma weiter Richtung Bus.
„Doch. Genau dafür bezahlt man hier doch.“
Wenig später schloss sich hinter ihnen die Tür des klimatisierten Shuttles und Livorno begann langsam in der Hitze zu verschwimmen. Beim Blick zurück auf den Hafen lag dort die riesige Azura von P&O, während die Explora davor fast demonstrativ ruhig wirkte. Weniger schwimmende Großstadt. Mehr Designerhotel mit Motoren.
Zurück an Bord herrschte sofort wieder diese fast irritierende Ruhe. Leere Gänge. Gedämpftes Licht. Keine Menschentrauben. Keine Durchsagen. Nur Klimaanlage, höfliches Personal und das Gefühl, als hätte jemand die Lautstärke der Realität heruntergedreht.
Die notwendige Mittagsstärkung bestand dann selbstverständlich aus Pizza, Pasta und alkoholischer Flüssigkeitsregulation. Für Briemma Champagner. Für Carlexander Rotwein. Beides wurde behandelt wie medizinisch notwendige Regeneration nach einem Außeneinsatz.
Die Pizza kam mit aufgeblasenem Rand, leicht verkohlten Stellen und genau der Art von Teig, bei der Menschen sofort anfangen, über „echte italienische Pizza“ zu philosophieren. Dazu grüne Pasta mit Pesto, die aussah, als hätte jemand Basilikum konzentriert und in Nudel-Form gegossen.
Briemma hob das Champagnerglas.
„Auf Klein-Venedig.“
Carlexander nahm einen Schluck Rotwein.
„Und auf funktionierende Klimaanlagen.“
Die Helios-Poolbereiche wirkten an Hafentagen fast surreal leer. Während sich draußen tausende Menschen zwischen Shuttlebussen, Kopfsteinpflaster und Sonnenstichen langsam gegenseitig weichkochten, lagen hier oben vielleicht fünf Personen verteilt auf Liegen, als hätte jemand das Schiff privat gemietet.
Auf dem Weg dorthin kamen sie an der Helios Bar vorbei, wo Jon Michael Ogletree entspannt in der Sonne saß und sichtbar ebenfalls seinen Hafentag genoss. Kein künstliches Entertainment-Lächeln, keine aufgezwungene Showenergie. Einfach ein Musiker im Chillmodus mit Espresso Martini.
Nach kurzer Unterhaltung lud er sie spontan auf einen weiteren Drink ein.
„Honestly, this is basically my vacation too“, sagte er lachend und erklärte, dass er den Rest seiner Zeit normalerweise im Homeoffice verbringe.
Carlexander nickte anerkennend.
„Dann haben Sie eindeutig das bessere Homeoffice.“
Es folgte ein erstaunlich normales Gespräch über Reisen, Publikum und darüber, dass Menschen auf Kreuzfahrten entweder komplett entspannen oder innerhalb weniger Tage beginnen, Buffets als Wettkampfsport zu verstehen.
Sie verabschiedeten sich mit dem Versprechen, später eines seiner Konzerte an Bord zu besuchen, und zogen mit ihren Espresso Martinis weiter Richtung Pool.
Dort lagen die cremefarbenen Helios-Liegen nahezu unangetastet in der Sonne, während das Wasser ruhig glitzerte und irgendwo unter ihnen Livorno weiter hektisch funktionierte. Briemma verschwand direkt im Pool.
„Das hier ist deutlich besser als Klein-Venedig.“
Carlexander setzte sich mit seinem Espresso Martini auf die Liege und betrachtete die Szenerie. Leises Wasserplätschern. Kaum Stimmen. Keine Animation. Keine Poolspiele. Niemand schrie etwas über Bingo oder Wassergymnastik ins Mikrofon.
Nur Sonne, Glas, Ruhe und Koffein mit Wodka.
„Das ist kein Kreuzfahrtschiff“, murmelte er. „Das ist ein schwimmender Gegenentwurf zu deutschen Center Parcs.“
Irgendwann zogen sie sich langsam Richtung Suite zurück. Dort begann die übliche Abendvorbereitung aus Duschen, Kleidungssuche und jener stillen Erkenntnis, dass man auf längeren Reisen irgendwann automatisch beginnt, Wäschelogistik wie ein kleines Projektmanagement-Board zu behandeln.
Der Wäschesack lag bereits ordentlich vorbereitet im Zimmer.
Briemma betrachtete die Liste.
„18 Euro fürs Bügeln eines T-Shirts.“
Carlexander nickte langsam.
„Ab diesem Preisniveau wird selbst Schmutzwäsche plötzlich emotional wertvoll.“
Das Abendessen versuchten sie anschließend im Med Yacht Club. Der Einstieg wirkte zunächst vielversprechend. Gedimmtes Licht, ruhige Atmosphäre, ambitionierte Karte, gute Weinauswahl. Genau jene Art Restaurant, in der man automatisch beginnt, langsamer zu sprechen und plötzlich Begriffe wie „Textur“ akzeptiert.
Dann kam das Steakmesser.
Carlexander betrachtete die Klinge skeptisch.
„Hat damit vorher jemand archäologische Ausgrabungen gemacht?“
Die Schneide war stumpf und voller kleiner Dellen, als hätte das Messer vor dem Service noch spontan beim Straßenbau geholfen. Das zweite Messer war kaum besser. Erst das dritte Exemplar aus dem Marble Room erfüllte überraschenderweise die revolutionäre Grundfunktion eines Steakmessers: schneiden.
Leider half das dem Filet nur begrenzt.
Medium rare bestellt, eher Richtung „gut gemeinter Sonntag bei Tante Erika“ geliefert. Außen ordentlich, innen deutlich weiter als geplant. Briemmas Oktopus dagegen war perfekt. Zart, leicht rauchig, sauber angerichtet. Eine dieser Situationen, in denen zwei Menschen am selben Tisch komplett unterschiedliche Restaurantbewertungen erleben.
Das Steak wurde zwar anstandslos ersetzt und der zweite Versuch war völlig in Ordnung, aber der erste Eindruck hatte den Abend bereits leicht verschoben. Nicht katastrophal. Nur… irritierend unperfekt für ein Schiff, das ansonsten jede Serviette mit religiöser Präzision faltete.
Als sie das Restaurant später etwas schneller als gewöhnlich verließen, glaubten beide eigentlich, das Thema elegant hinter sich gelassen zu haben.
Falsch gedacht.
Im Emporium tauchte plötzlich höflich lächelnd ein Mitarbeiter auf, der sie mit beinahe diplomatischer Präzision abfing.
„Excuse me, was everything alright with your dinner tonight?“
Diese Art von Frage, bei der man sofort merkt, dass bereits intern ein kleiner Alarm ausgelöst wurde.
Carlexander lächelte freundlich zurück.
„Yes, everything was fine, thank you.“
Später blickte Briemma ihn an.
„Das war gelogen.“
Er nickte ruhig.
„Manchmal bezahlt man im Luxussegment nicht für Ehrlichkeit. Sondern für konfliktfreie Atmosphäre.“
Gute Gastgeber bemerken allerdings den feinen Unterschied zwischen „alles wunderbar“ und „bitte sprechen wir nie wieder über dieses Steak“.
Es kam daher, wie es kommen musste.
Beim zweiten Hauptgang im Emporium wurden sie erneut, diesmal deutlich direkter, angesprochen. Sehr höflich. Sehr diskret. Aber auch sehr eindeutig. Man habe Sorge, dass irgendwo ein Fehler passiert sei und die Mitarbeiter womöglich verantwortlich gemacht würden.
Peinlich berührt erklärten Carlexander und Briemma schließlich die Sache mit den Messern und dem überraschend verstorbenen Rinderfilet.
Daraufhin erschien kurze Zeit später noch der Chef persönlich zur Entschuldigung. Kurz danach ebenfalls der Oberkellner. Beide ernsthaft bemüht, ohne jede künstliche Theatergeste. Fast unangenehm professionell.
Carlexander versuchte sofort zu relativieren.
„Die Mitarbeiter haben wirklich alles getan, um die Situation zu retten.“
Und das stimmte auch. Niemand war unfreundlich gewesen. Niemand arrogant. Im Gegenteil. Genau das machte die Situation so unerquicklich. Man wollte eigentlich gar keine Beschwerde formulieren, weil sichtbar war, wie viel Mühe sich alle gaben.
Der Chef nickte verständnisvoll.
„Genau solches Feedback hilft uns am meisten. Die meisten Gäste sagen einfach nur: all good.“
Für einen kurzen Moment entstand jene seltene Form von Stille, in der beide Seiten gleichzeitig verstanden, dass sie eigentlich lieber höflich gelogen hätten.
Danach wurde der Abend deutlich einfacher.
Mit Cocktails in der Hand schlenderten Carlexander und Briemma langsam durch das Schiff, vorbei an Glasfronten, leeren Deckchairs und diesem absurd perfekten Abendrot, das aussah, als hätte jemand den Horizont weichgezeichnet.
Hinten am Heck zog sich die Spur des Schiffes kilometerweit durch das dunkler werdende Meer, während oben bereits die ersten Blautöne der Nacht einsetzten. Jene stille Stunde zwischen Tagesprogramm und völliger Erschöpfung, in der selbst Kreuzfahrtschiffe kurz so wirken, als hätten sie keine Agenda mehr.

Am Pool lief inzwischen „The Fall Guy“ im Silent Cinema.
Vereinzelt saßen Gäste mit leicht verrutschten Kopfhörern in den Liegen und schliefen bereits halb ein, als würden sie zu Hause auf der Couch versuchen, „nur noch zehn Minuten“ weiterzuschauen. Auf der riesigen Leinwand explodierten währenddessen Autos und Menschen schrien lautlos ins Mittelmeer hinaus.
In der Kabine warteten schließlich noch die kleinen Explora-Rituale des Abends: Nüsse, Chips, gedämpftes Licht und das leise Gefühl, dass selbst ein seltsam vergeigtes Abendessen auf See irgendwie sanfter endet als an Land.







































