2026-05-26 – Tag 8: Nachmittag im Abreiseblues

2026-05-26 – Tag 8: Nachmittag im Abreiseblues

Reiseepisode

2026-05-26 – Tag 8: Nachmittag im Abreiseblues

Tag 8 · 2026-05-26

Der Nachmittag begann mit einer unscheinbaren Kapitulation: zwei offene Koffer auf dem gemachten Bett, als hätte sich das Zimmer selbst schon halb verabschiedet. Koffer packen und letzten Runden übers Schiff mit Mittagessen – das klang in der Theorie nach Struktur, in der Praxis nach Dingen, die sich nicht mehr ordentlich zusammenfalten wollten. Carlexander stand mit roter Brille am Fenster, sah hinaus auf das blaue Licht und murmelte: „So sieht also Schlussmachen mit Aussicht aus.“

Im nächsten Moment war aus der Idee von Ordnung bereits ein Zustand geworden. Vor der Kabinentür sammelten sich Koffer, Kleidung, Tüten und die übliche kleine Auswahl an Gegenständen, die sich auf Reisen nie freiwillig von selbst wiederfinden. Briemma musterte das Durcheinander mit jener ruhigen Verachtung, die nur eine Katze mit Stil zu leisten vermag. „Das ist kein Packen“, sagte sie trocken, „das ist ein letzter Verhandlungstisch.“ Carlexander hob einen Ärmel, als wäre er ein Beweisstück, und antwortete: „Und wir verlieren gerade mit Würde.“

Draußen schob sich das Schiff weiter über die glatte See, groß und still, als hätte es mit dem inneren Chaos an Bord nichts zu tun. Die weiße und graue Seite der Explora I lag schwer im Licht, während die Wasserlinie fast zu ruhig für einen echten Abreisetag wirkte. Carlexander blieb einen Augenblick stehen und sah auf die sanften Spuren im Meer. „Es ist erstaunlich“, sagte er, „wie elegant ein Abschied aussehen kann, wenn er einfach nur weiterfährt.“

Unten im Buffet war von Abschied dann wieder nichts zu merken, dort regierte die gepflegte Disziplin eines Schaufensters für Hungrige. Käse, Aufschnitt, Früchte und die akkurat drapierten Schalen standen bereit, als hätten sie den Tag mit deutlich mehr Selbstbewusstsein begonnen als die Reisenden. Briemma nickte knapp in Richtung der Auswahl. „Menschen nennen das Mittagsglück“, meinte sie. Carlexander sah auf die Anordnung hinter Glas und sagte: „Oder die dekorierte Form der Unentschlossenheit.“

Kreuzfahrtschiff am Wasser
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Koffer vor der Kabinentür
Koffer vor der Kabinentür
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Buffet mit Speisen
Buffet mit Speisen
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Sushi auf dem Teller
Sushi auf dem Teller
Serviertes Gericht auf dem Tisch
Serviertes Gericht auf dem Tisch
Buffet mit Speisen
Buffet mit Speisen
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Dessert auf dem Teller
Dessert auf dem Teller
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Blick über das Meer
Blick über das Meer
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Gäste im Restaurant
Gäste im Restaurant
Kreuzfahrtschiff am Wasser
Kreuzfahrtschiff am Wasser

Ein paar Schritte weiter war das Buffet bereits in den Modus der laufenden Versorgung übergegangen. Zwei Hände arbeiteten an kleinen Schalen, eine Sauce floss sorgfältig über das Arrangement, und die Reihen der Teller warteten geduldig, als wüssten sie, dass sie am Ende alle an genau dieselbe Stelle des Tages gelangen würden. Die Gazpacho Salad und die Valencia Salad Tomato, Bonito Flake Del Norte klangen nach Fernweh mit Etikett, was auf einem Schiff fast schon als konservativ gelten durfte. „Natürlich“, sagte Carlexander, „wenn schon Abreiseblues, dann bitte mit etwas, das orange ist und über etwas anderem schwebt.“

Dass später Sushi auf dem Teller lag, wirkte deshalb nicht wie ein Bruch, sondern wie die logische Fortsetzung eines Tages, der sich kulinarisch nicht auf eine Stimmung festlegen wollte. Die kleinen Rollen, der Reis, der Fisch, das Sojasaucen-Schälchen daneben – alles stand bereit für einen Moment, der höflich und präzise blieb. Briemma hob eine Augenbraue. „Natürlich… Sushi“, sagte sie, als hätte sie die Pointe schon beim ersten Blick kommen sehen. Carlexander probierte nichts und tat stattdessen so, als prüfe er die Geometrie der Anordnung.

Danach blieb auf dem Tisch nur noch das, was von echtem Zuspruch übrig ist: ein fast leeres Gericht, ein Messer, ein paar Spuren und jene kleine Stille nach dem Essen, die an Bord immer besonders ordentlich wirkt. Es war nicht dramatisch, eher ein ruhiger Beweis dafür, dass der Hunger auf Reisen meist schneller ist als die Erinnerung. „Das“, sagte Carlexander und betrachtete die Reste, „ist die unbestechliche Form eines guten Mittagessens.“ Briemma schob die Pfote leicht an den Tellerrand. „Oder die elegante Art, sich nicht zu viel vorzunehmen.“

Im Dessertbereich wurde die Kulisse dann wieder großzügig. Cremes, Kuchen, Gläser, Früchte, Klingen, Löffel, alles sauber ausgeleuchtet und mit jener Überzeugung arrangiert, die Buffetstationen zu kleinen Moralinstanzen macht. Ein Arm griff nach einer Nachjustierung, während im Hintergrund bereits die nächsten Gäste saßen und die Sache so nahmen, als gehöre das selbstverständlich zu einem Nachmittag auf See. Carlexander sah die Nachbarschaft aus Service und Süßem an und sagte leise: „Der Abschied vom Schiff beginnt merkwürdigerweise immer mit Zucker.“

Weiter vorn im Glas glänzten die Früchte und Desserts wie ein höflicher Versuch, dem Tag noch einen zweiten Anfang zu geben. Eine Mitarbeiterin lächelte hinter dem Counter, und für einen Moment schien alles im Gleichgewicht: das Reichen, das Nachfüllen, das Sitzen der Gäste im Hintergrund, das ganze kleine System eines Schiffs, das sich selbst versorgt. Briemma neigte den Kopf. „Sieh an“, sagte sie, „hier funktioniert Erwartungsmanagement sogar in Obstform.“ Carlexander antwortete: „Nur weil die Melone so tut, als sei sie unbeteiligt.“

Noch ein paar Schritte später stand Pizza auf dem weißen Brett, Margherita und Chorizo, als hätte jemand beschlossen, dass Abreiseblues am besten mit Teig und Kanten behandelt wird. Die Stücke waren bereits angeschnitten, die Ränder leicht gebräunt, das Tuch der Selbstbehauptung dünn und doch überzeugend. Carlexander betrachtete die beiden Sorten wie zwei sehr unterschiedliche Angebote für dieselbe Müdigkeit. „Ein sehr praktischer Gedanke“, sagte er. „Wenn schon Abschied, dann wenigstens mit Tomatensauce.“

Das Dessert danach war feiner, fast zurückhaltend, als hätte es verstanden, dass nicht jeder Nachmittag noch laut werden muss. Die kleine Komposition aus Creme, Frucht und einem länglichen Gebäckstück wirkte wie eine letzte höfliche Geste des Schiffes an seine Gäste. Briemma tippte mit dem Blick auf den Teller. „Das ist kein Dessert“, sagte sie. „Das ist ein sauber formulierter Abgang.“ Carlexander nickte, als hätte ihn gerade jemand für besonders gute Manieren gelobt.

Später lag das Schiff noch einmal offen auf dem Wasser, mit Pool, Liegen und der stillen Weite des Himmels darüber, als hätte der Tag plötzlich beschlossen, sich an seine eigene Eleganz zu erinnern. Einige Gäste ruhten im Sonnenlicht, andere saßen und sahen einfach nur hinaus, und niemand wirkte in Eile. Die Bewegung des Schiffes blieb im Hintergrund, fast zu glatt, um als Bewegung aufzufallen. Carlexander sagte: „Es ist fast unfair, wie ruhig so ein schwimmendes Hotel am Ende noch sein kann.“ Briemma erwiderte: „Unfair ist nur, dass es dabei recht behält.“

Über dem Meer selbst war dann nur noch Weite. Keine Küste, kein Lärm, kein Argument – nur Wasser und Himmel, die sich auf dieselbe stille Weise einigten, als wäre das die eigentliche Verwaltung der Reise. Für einen Augenblick verlor sogar die Abreise ihren Zug nach morgen und wurde bloß zu Gegenwart. Carlexander stand schweigend da, sah auf die Fläche und sagte schließlich: „Das ist also der Teil, in dem das Meer so tut, als hätte es keine Termine.“

Auf dem offenen Deck saßen die wenigen, die sich diesen Frieden noch ein letztes Mal herausschnitten. Ein Mann las oder sah in ein dunkles Gerät, andere lehnten zurück, und die Linien des Schiffs zogen sich ruhig am Rand der Szene entlang. Der Wegbogen der Deckfläche, das Glas, die sitzenden Gestalten – alles wirkte wie eine höfliche Einladung, den Tag nicht lauter zu machen, als er sein musste. Briemma bemerkte knapp: „Man kann Abschiede auch im Sitzen erledigen.“ Carlexander sah über die Reling hinaus und antwortete: „Mit etwas Glück sogar ohne inneren Stilbruch.“

Dann kam der Moment mit den Drinks am Rand des stillen Wassers, in dem die späten Stunden schon ein wenig nach Rückzug schmeckten. Auf dem Tisch standen die dunkelbraunen Martinis mit ihrer feinen Schaumschicht, daneben der Weißwein, und im Hintergrund wartete der Whirlpool wie ein Luxus, der sich nicht erklären muss. Es war ein letzter, kleiner Exzess mit sehr ordentlicher Beleuchtung. „Ein letztes Mal im Whirlpool mit Martini Espressi“, sagte Briemma, als handle es sich um eine vollkommen vernünftige Tagesplanung. Carlexander hob sein Glas und meinte: „Vernünftig ist auf See nur das, was man nicht mehr hinterfragt.“

Am Ende blieb nur noch der leere Glasrand auf dem Tisch, das Meer dahinter und das Gefühl, dass selbst Genuss irgendwann still wird, wenn die Reise sich an den Koffer erinnert. Der Cocktail war verschwunden, die Szene ruhig, und das Wasser trug die letzte Farbe des Nachmittags mit unaufgeregter Geduld. Carlexander blickte auf das zurückgelassene Glas und sagte: „So endet ein ordentlicher Zwischenhalt.“ Briemma zog die Schultern kaum merklich hoch. „Oder der Anfang davon, ihn zu vermissen.“

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