2026-05-23 – Tag 5: Tendern und Rundgang durch Portofino
Reiseepisode
2026-05-23 – Tag 5: Tendern und Rundgang durch Portofino
Tag 5 · 2026-05-23
Der Tag begann mit einem maritimen Handgriff, der im Hafen immer so tut, als wäre er Routine, und in Wahrheit doch ein kleines Schauspiel ist: ein rotes Rettungsboot längsseits, Gangway, Leinen, die üblichen Menschen in konzentrierter Bewegung. Carlexander blickte darüber hinweg mit der Würde eines Katers, der gelernt hat, dass selbst Sonnenlicht an Deck nur dann gemütlich ist, wenn niemand dabei an Kabeln und Stufen zerrt. „Alles in Ordnung?“, fragte Briemma trocken. „Sicher“, sagte er. „Es wird lediglich sehr geschäftig so getan.“
Später lag das Meer plötzlich weit und sauber vor uns, als hätte jemand die ganze Szenerie mit mehr Ruhe nachpoliert. Eine weiße Yacht hing auf dem Wasser, daneben ein Tender, und rechts zog sich die Küste mit ein paar Felsen und Grün ins Bild, als wolle sie betonen, dass sie hier seit längerem die bessere Adresse ist. Carlexander nickte nur. „Luxus liebt es, sich unauffällig auszuruhen.“ Briemma sah über die Bordkante. „Und trotzdem muss alles dafür perfekt still liegen.“
Dann kam Portofino selbst mit seiner eigenen Art, einen Empfang zu inszenieren: Sicherheitsstufe eins, offizielle Schilder, Menschen in leichter Sommerkleidung und darüber der steile Hang, an dem sich die Stadt nicht freundlich, aber sehr wirkungsvoll festkrallt. Zwischen Vegetation, Gerüst und einem halb verdeckten, farbigen Baukörper wirkte alles ein wenig wie eine sorgfältig gerahmte Kulisse mit Zugangsbeschränkung. „Retortenstädtchen“, murmelte Briemma, ohne den Blick zu heben. „Nur mit besserer Aussicht als üblich“, ergänzte Carlexander.





















Am Wasser wurde die Inszenierung freundlicher, fast üppig. Pastellfassaden, Cafés, kleine Boote, ein älterer Herr, der in seinem Bootssteg erstaunlich entschlossen abwärts stieg, als hätte er das seit Jahrzehnten geprobt. Die Bucht lag lebendig da, aber ohne Eile; selbst die Menschen am Ufer schienen das Tempo eher zu beobachten als es vorzugeben. Carlexander bemerkte die moorings und das Hin-und-her der Boote und sagte nur: „Hier ist sogar das Anlegen ein gesellschaftlicher Akt.“ Briemma lächelte knapp. „Mindestens.“
Noch stiller wirkte der Blick über die Bucht mit den vielen verankerten Booten und den weißen Schwimmkörpern dazwischen, als hätte der Ort beschlossen, seine Attraktivität nicht lauthals zu erklären. Große Yacht links, Segelboote in der Mitte, ein dunkles Motorboot rechts: alles schien abzuwarten, wer zuerst wieder Bewegung vortäuschen würde. Carlexander blinzelte gegen das Licht. „Die Menschen nennen das entspannt.“ Briemma antwortete: „Weil sie nicht mitarbeiten müssen.“
Am Eingang der Marina wurde aus Landschaft dann Beschriftung. Portofino Yacht Marina, Portofino Yacht Club, Stein, Schatten, Blattwerk oben drauf wie eine höfliche Geste der Natur. Das Ganze wirkte so kontrolliert, dass selbst die mediterrane Wärme fast administrativ aussah. Carlexander las die Schilder mit einer Miene, als hätte er schon zu viele Orte erlebt, die sich wichtiger fühlen, als sie sind. „Hier wird Ankunft offenbar als Identitätsprüfung verstanden.“ Briemma setzte den Stock leicht auf den Boden. „Und als Selbsterklärung.“
Die Promenade zeigte danach, wie sehr ein Ort von seinen Rändern lebt: Bougainvillea an Stein, Menschen auf dem Weg, Boote im Hintergrund, grüne Ballons in der Höhe, als hätte jemand dem Sommer ein kleines Protokoll angehängt. Zwischen den Passanten, den Gebäuden und dem Wasser war keine große Geste nötig; das Bild hielt sich an die feine Unruhe eines Orts, der von Besuchern gleichzeitig getragen und beansprucht wird. „Sehr nett“, sagte Carlexander. „Wenn man die Menge an Charme nicht mit Zählbarkeit verwechselt.“ Briemma erwiderte: „Das tun die meisten leider sofort.“
Im Platz dahinter wurde es noch dichter. Menschen saßen, standen, warteten, fotografierten, schoben sich durch das helle Pflaster, während italienische Fahnen und grüne Ballons den Raum wie bei einer Feier markierten, über die niemand genau Bescheid gegeben hatte. Der Ort hatte die Stimmung eines Marktplatzes, der sich zeitweise für ein Wohnzimmer hält, dann wieder für eine Bühne. „Alle sind beschäftigt“, stellte Briemma fest. „Mit dem Sehen oder Gesehenwerden?“ fragte Carlexander. „Ja.“
Dass Portofino seine Gaststätten und Läden fast kunstvoll ineinander schiebt, zeigte sich dann beim Dolce-&-Gabbana-Spiel mit dem Vespa-Motiv. Das war weniger ein Café als ein sehr gut beleuchteter Beweis dafür, dass sich Kommerz und Dekoration inzwischen ziemlich verständig gefunden haben. Menschen saßen drumherum, als sei diese Verbindung ganz selbstverständlich. Carlexander betrachtete das barocke Grün-Weiß-Rad auf seinem Podest und meinte: „Wenn das hier normal ist, bin ich froh, dass wir noch Restzweifel haben.“ Briemma sah kurz zur Fassade. „Restzweifel sind eine Form von Stil.“
Drinnen ging die Selbstveredelung in Ruhe weiter: Taschen, Schuhe, Ornamentik, alles sorgfältig sortiert wie eine kleine Bühne des Begehrens, auf der nichts zufällig hingestellt wurde. Das wirkte nicht laut, eher geschniegelt und unverschämt präzise, genau die Sorte Luxus, die sich als handwerkliche Kultur tarnt. Briemma hob eine Braue. „Da steht nichts einfach nur herum.“ Carlexander nickte. „Sogar die Üppigkeit ist kuratiert. Es ist beinahe anstrengend, wie sehr sich alles bemüht.“
Wenige Schritte weiter blieb der Eindruck derselbe, nur kühler und noch kontrollierter: zwei Rolex-Uhren, für die nur noch das letzte bisschen Geduld des Schaufensters fehlte. Das Display sagte offen, was der Ort sonst elegant verschweigt: Hier wird nicht nur gezeigt, hier wird bewertet, zugeteilt und auf Wartelisten verteilt. „Zum Glück ist das gewünschte Modell weiterhin nur auf Warteliste zu haben“, sagte Briemma mit dem Tonfall einer Person, die daran keinen moralischen Schaden nimmt. Carlexander sah das Gold im Licht aufblitzen. „Die Warteliste ist vermutlich der eigentliche Status.“
Später blieb die Aufmerksamkeit noch einmal an einem weiteren Schauplatz haften: einer Kunstfigur auf einem Globus, inmitten von Grün und Signalen einer Ausstellung. Nichts daran war laut, aber alles daran wollte gelesen werden wie ein kultureller Verweis mit Absicht. Carlexander betrachtete die seltsame Spannung der Figur und sagte: „Auch das ist Portofino: erst Landschaft, dann Pose, dann wieder Landschaft.“ Briemma setzte den Gehstock neben sich und erwiderte: „Und irgendwo dazwischen die Erklärung, dass alles genau so gemeint war.“
Beim Mittagessen saßen die Gäste eng und aufmerksam beieinander, und die Terrasse arbeitete mit Sonnensegeln so entschlossen gegen das Licht, als müsse selbst Schatten hier noch organisiert werden. Zwischen Gläsern, Flaschen und den kleinen Bewegungen des Service entstand jene vertraute Kreuzfahrtordnung, in der Essen nie einfach Essen ist, sondern Teil des Taktgefühls des Tages. „Ein sehr gepflegtes Gedränge“, sagte Carlexander. „Das ist die eleganteste Form von Enge“, meinte Briemma.
Das servierte Gericht auf dem Tisch machte daraus keine große Dramaturgie, sondern eher den stillen Abschluss einer ordentlichen Mittagsrunde. Auf dem Teller lag nichts aufdringlich Repräsentatives, aber genug, um zu zeigen, dass hier nicht nur der Blick bedient wurde. Carlexander neigte die Brille ein wenig. „Ein Gericht, das sich nicht aufblasen muss.“ Briemma nickte. „So etwas beruhigt einen erstaunlich.“
Zwischendurch hatte selbst die Uferkante noch eine kleine Nebenhandlung bereit: zwei Enten, die am Rand des Wassers mit ihrer eigenen Gelassenheit forschten, als gehörte ihnen der Ort und nicht den Menschen. Während der eine ruhig stand und die andere am nassen Rand nach Futter suchte, schien das Wasser für einen Moment die eigentliche Hauptsache zu sein. Carlexander sah hinunter und sagte: „Endlich jemand mit klarer Priorität.“ Briemma antwortete: „Oder mit besserem Zeitmanagement.“
Dann wieder ein Innen-außen-Gefühl, diesmal im Restaurantbetrieb selbst: eng gesetzte Tische, Gäste, die zwischen Gesprächen und Tellern balancieren, und Mitarbeiter, die sich im schmalen Raum mit jener Präzision bewegen, die nur aus Erfahrung oder Not entsteht. Dass hier gleichzeitig ein Rolex-Schild und die üblichen Getränkeversprechen auftauchten, passte nur zu gut zu diesem Ort, der Luxus nie als Ausnahme, sondern als Einrichtungsprinzip behandelt. Carlexander schmunzelte trocken. „Man verkauft hier offenbar alles gleichzeitig.“ Briemma sah über die Schulter eines vorbeieilenden Kellners. „Praktisch. So spart man Missverständnisse.“
Der nächste Blick auf die Uhr lag wieder auf der Hand, aber diesmal noch direkter: ein Rolex-Exemplar im Schaukasten, sauber ausgestellt, mit der eleganten Selbstverständlichkeit eines Objekts, das den Raum nicht braucht, sondern ihm die Hierarchie erklärt. Carlexander blieb einen Moment still, bevor er sagte: „Die wollen uns wirklich überall dieselbe Idee zumuten.“ Briemma erwiderte ruhig: „Nicht überall. Nur da, wo Leute sowieso schon bereit sind, zuzustimmen.“
Auch die zweifache Rolex-Präsentation mit dem Hinweis „Solo per esposizione“ war so ein Satz, der mehr über den Ort sagt als über die Uhr. Die Dinge werden hier nicht benutzt, sondern vorgeführt; selbst das Wort „nur“ bekommt einen Hauch von aristokratischer Strenge. Carlexander sah von einem Exemplar zum anderen. „Zwei Uhren, beide für die Vitrine. Das ist fast schon ehrlich.“ Briemma nickte. „Fast.“
Das goldene Modell im nächsten Display schloss den Kreis mit etwas, das fast wie kulinarischer Überschuss wirkte, nur eben am Handgelenk gedacht: blaues Zifferblatt, glänzende Fläche, perfekte Ausleuchtung, und unten im Stillen die Gewissheit, dass das gewünschte Modell ohnehin nur auf Warteliste zu haben ist. Carlexander nahm es mit einem Blick auf, der irgendwo zwischen Resignation und Anerkennung lag. „Da ist sie wieder, die feinste Form der Verknappung.“ Briemma lächelte knapp. „Das ist kein Mangel. Das ist Dramaturgie.“
Zurück auf dem Wasser lag dann wieder die nüchterne Maritimebene des Tages: die eigenen Tender, die große Yacht, die Küste im Hintergrund, ein bisschen Technik, ein bisschen Rangordnung, viel glatte Oberfläche. Es ist erstaunlich, wie unspektakulär ein Transfer wirken kann, wenn alles dafür gemacht ist, dass er funktioniert. Carlexander schaute dem kleinen Boot nach und sagte: „Der Luxus reist nicht gern allein.“ Briemma antwortete: „Nein. Er bringt sich den Nachschub einfach mit.“
Und schließlich kam das Schiff selbst, groß und dunkel am Wasser, mit der offenen Tür, der kleinen Treppe und den Menschen daran, die den Rückweg so sachlich abwickelten, als wäre das Mittagessen eine logistische Aufgabe mit sauberem Abschluss. Reichlich unspektakulär tenderten wir zurück, und gerade das war vielleicht die passendste Pointe des Tages: Nicht jeder Ortswechsel braucht Drama, manchmal genügt ein Schiff, ein paar Hände, die Routine beherrschen, und ein Kater, der das alles mit genau der richtigen Müdigkeit verfolgt. „Wir sind also wieder da“, sagte Briemma. Carlexander sah zum Deck hinauf. „Leider ja. Aber mit Stil.“