2026-05-23 – Tag 5: Abend mit Marc Oberon
Reiseepisode
2026-05-23 – Tag 5: Abend mit Marc Oberon
Tag 5 · 2026-05-23
Vom Anthology kamen wir erstaunlich zufrieden zurück, was auf einem Schiff immer ein wenig wie eine kleine Verhandlung mit dem eigenen Gleichgewicht wirkt. Zwei, vielleicht drei Cocktails hatten ihren Teil beigetragen, jedenfalls genug, um den Weg in die Abendshow des Close-up-Magiers Marc Oberon mit einer fast vornehmen Großzügigkeit zu nehmen. Carlexander richtete die rote Brille und murmelte: „Wenn jetzt etwas verschwindet, war es definitiv der letzte Drink.“ Briemma hob nur den Gehstock ein wenig, als würde sie dem Satz eine elegante Fußnote hinzufügen.
Im Saal lag dieses gedämpfte Theaterlicht, das jeden Absatz im Raum etwas wichtiger wirken lässt, als er eigentlich ist. Auf der Bühne stand Marc Oberon allein im Schein der Farben und hielt ein langes, helles Band oder Seil zwischen den Händen, als müsse es sich erst noch entscheiden, ob es Stoff, Trick oder bloße Absicht sein wollte. Vor uns saßen die Reihen ruhig, die kleinen Lampen glimmten zwischen den Tischen, und Carlexander sah über die Silhouetten hinweg so ernst aus, als prüfe er nicht die Magie, sondern ihre Buchhaltung. „Das ist also der Teil mit der Ablenkung“, sagte er trocken. „Nein“, flüsterte Briemma, „das ist der Teil, in dem das Publikum so tut, als habe es noch alles im Griff.“
Später wurde die Bühne noch stiller, obwohl die Beleuchtung dramatisch blieb. Marc Oberon arbeitete weiter mit dem langen weißen Band, konzentriert und präzise, während die kleinen Requisiten und der schwarz gedeckte Tisch am Rand nur dort standen, wo Dinge eben stehen, die gleich wieder wichtig werden sollen. Der Raum selbst half mit: die blauen und violetten Flächen, die schweren Vorhänge, das dunkle Zuschauerlicht. Carlexander beugte sich leicht vor und sagte: „Er macht das mit der Ruhe eines Mannes, der genau weiß, wie viele Sekunden eine Überraschung tragen kann.“ Briemma nickte. „Oder wie viele, bis jemand fragt, ob das Seil schon immer so lang war.“
Als Marc Oberon den Moment fand, in dem das Publikum den Trick offenbar verstanden hatte oder gerade nicht mehr verstehen wollte, kam Applaus auf, erst zögernd, dann mit jener Erleichterung, die in solchen Shows fast zum Programm gehört. Im Hintergrund leuchtete der Name „Marc Oberon“ mit dem Zusatz „Magician“ auf der Projektion, als hätte der Abend selbst beschlossen, sich ordentlich zu beschriften. Die Bühne wirkte nun weniger wie ein Geheimnis als wie ein sauber geführter Beweis, dass Unterhaltung auch dann elegant bleiben kann, wenn sie mit Licht und Täuschung arbeitet. „Sehen Sie“, sagte Briemma leise, „genau deshalb trinkt man vor so etwas nicht zu schnell.“ Carlexander sah auf das Licht, dann auf die Projektion und schließlich auf sein Glas. „Zu spät war es nicht. Nur passend.“



