2026-05-22 – Tag 4: Tendern nach Porto Cervo
Reiseepisode
2026-05-22 – Tag 4: Tendern nach Porto Cervo
Tag 4 · 2026-05-22
Porto Cervo empfängt einen nicht mit einer großen Geste, sondern mit dem kleinen, präzise organisierten Theater des Ankommens. Auf dem Boarding-Deck stehen die Menschen in jener stillen Geduld, die nur entsteht, wenn alle wissen, dass Bewegung zwar geplant ist, aber nicht beschleunigt werden kann. Carlexander betrachtet den Ablauf mit seiner gewohnten Mischung aus Würde und innerem Stirnrunzeln; neben ihm hält Briemma ihren Blick ruhig auf die Reihe vor ihnen gerichtet. „Das ist also Tendern“, murmelt er. „Ein Wort, das klingt, als hätte jemand den Hafen vorsorglich gegen Unruhe geerdet.“
Im Tender selbst wird aus dem Warten dann Fahrt, und aus der Fahrt eine kleine Probe auf Seefestigkeit. Die weißen Fensterrahmen fassen das Licht hart und klar ein, während der Bootsführer höher sitzt, damit er die Wellen besser durchschlagen kann, als gäbe es für so etwas ein eigenes Handwerksethos. „Er sieht mehr als wir“, sagt Briemma trocken. Carlexander nickt und schaut auf die Sitzreihen, auf denen die Passagiere mit jener höflichen Ruhe verharren, die man nur aufbringen kann, wenn der Horizont noch nicht entschieden hat, ob er freundlich bleibt. Es ist keine dramatische Überfahrt, eher eine ehrliche: Wasser bleibt Wasser, und Wellen lesen keine Bordansagen.
Später wird der Übergang an der Gangway deutlicher, fast körperlich. Das Schiff liegt schwer und dunkel im Wasser, die nassen Flächen glänzen, und die kleinen Schritte auf dem Metall wirken plötzlich sehr vernünftig. Ein Mann im roten Cap steigt vorsichtig hinunter, vor ihm der Hut, dahinter der Blick eines weiteren Passagiers, der sich am Geländer festhält, als hätte das Meer heute noch einen eigenen Kommentar parat. „Man sollte es dem Boden nicht übel nehmen, wenn er sich kurz wie eine Idee verhält“, sagt Carlexander. Briemma hebt leicht den Kopf. „Oder dem Schiff, dass es nicht stillhält.“







Im nächsten Tender ist das Meer wieder näher an den Gesichtern als an den Romantikvorstellungen. Die Kabine bleibt hell, die Fenster geben Wasser und Schiffe in strengem Tageslicht preis, und selbst ein kurzer Dialog zwischen den Sitzreihen klingt wie etwas, das man am besten leise führt. Eine ältere Frau und ein Mann in Schwarz sprechen miteinander, freundlich und ohne Eile, als müssten sie das Gleichgewicht des Tages mit Worten nachjustieren. Draußen zieht das große Kreuzfahrtschiff dicht vorbei, so nah, dass die Beziehung zwischen großem Schiff und kleinem Boot nicht theoretisch bleibt. Carlexander sieht den Beutel mit dem aufgedruckten „THE“ und findet, dass selbst Gepäck hier eine gewisse britische Zurückhaltung besitzt.
Dann kommt der Abschnitt, in dem das Wasser nicht mehr nur Kulisse ist, sondern Mitspieler. Vor Porto Cervo ist das Meer nicht glatt und entgegenkommende Tender schlagen Wellen, als wollten sie noch einmal demonstrieren, dass Küstenlogistik immer auch Charakterfrage ist. Ein Gast, anfangs noch fidel, verliert sichtbar die Farbe, das aufgeregte Geschnatter verstummt schneller als jeder Optimismus. „Blassgrün steht niemandem besonders gut“, sagt Briemma, ohne Mitleid, aber auch ohne Härte. Carlexander beobachtet den Schiffsbug am fernen Horizont und denkt, dass Bewegung ein wunderbarer Zustand sei, solange sie nicht die Verdauung verhandle.
Als sich der Blick öffnet, beruhigt sich der Tag nicht sofort, aber er gewinnt Konturen. Das Wasser liegt in breiter, dunkler Fläche vor der Küste, Masten stehen über der Marina wie feine Linien aus Metall, und die Häuser ziehen sich hell an den Hängen entlang. Dazwischen liegt nichts Spektakuläres, und gerade das wirkt hier vornehm: ein Hafen, der nicht ständig beweisen muss, dass er einer ist. Briemma blickt kurz zur Bucht. „Sehr ordentlich“, sagt sie. „Fast verdächtig ordentlich.“ Carlexander antwortet nicht gleich; er nimmt die Ruhe an wie ein seltenes Angebot.
Am Ende steht der kleine Triumph des Bodens. Das große rote und weiße Boot mit dem Namen EXPLORA liegt am Kai, die Warnung auf dem Schild erinnert daran, dass Land in Hafennähe nicht automatisch Vertrauen verdient, und doch fühlt sich jeder Schritt wieder erstaunlich endgültig an. Menschen sind am Dock mit den letzten Handgriffen beschäftigt, der Küstenhang liegt hell im Hintergrund, und über allem steht diese unspektakuläre Erleichterung, die sich erst zeigt, wenn man sie fast schon vergessen hat. „Es war großartig“, sagt Briemma, während sie wieder festen Stand gewinnt, „auch die Füße wieder an Land zu haben.“ Carlexander schaut auf die Pierkante und erwidert: „Eine seltene Einigkeit zwischen Körper und Urteil.“