2026-05-22 – Tag 4: Fühstück an Bord vor Porto Cervo
Reiseepisode
2026-05-22 – Tag 4: Fühstück an Bord vor Porto Cervo
Tag 4 · 2026-05-22
Der Morgen tat so, als sei er ganz harmlos. Nur war das Schiff noch immer nicht dort, wo wir es beim normalen Aufstehzeitpunkt erwartet hätten. Tenderhafen, sagte die Logik, und Logik ist bekanntlich das erste Opfer eines guten Reiseplans. Also blieb der Blick erst einmal über dem Meer hängen, auf ruhigem Blau und einer dünnen Küstenlinie in der Ferne, während ich innerlich schon das spätere Highlight sortierte. Carlexander zog die rote Brille zurecht und murmelte: „Pünktlichkeit ist offenbar auch nur eine Schiffsidee.“
Drinnen herrschte jene noble Leere, die auf Kreuzfahrtschiffen erstaunlich oft wie ein geheimer Luxus verkauft wird. Die Flure und Treppen waren wieder einmal fast menschenleer, obwohl bereits 700 von 1000 Gästen an Bord waren. Briemma betrachtete das mit hochgezogener Braue und dem ruhigen Blick einer Katze, die genau weiß, dass Belegung und Bewegung zwei verschiedene Sorten Wirklichkeit sind. „So leer?“, fragte ich. „Wahrscheinlich stehen alle schon vor der nächsten Attraktion“, sagte sie trocken, „oder vor der nächsten Ansage.“
Später öffnete sich das Schiff nach oben, Glas, Licht und Wasserfall-Architektur unter einem klaren Himmel. Die Lounge wirkte großzügig und beinahe zu still für ihren eigenen Anspruch, als hätte man Eleganz in Reisegeschwindigkeit übersetzt. Ein einzelner Gast fotografierte die Szene auf der Treppe, während ringsum die Daybeds ordentlich warteten, als hätte man sie für einen sehr disziplinierten Nachmittag vorbereitet. Carlexander sah hinauf und sagte: „Ich schätze, das ist die maritime Version von: Bitte nicht drängeln, obwohl genug Platz wäre.“









An der Theke wurde es dann doch konkreter, und zwar sehr. Croissants, Pain au raisin, Schokoladendoughnuts und diese allzu gepflegten kleinen Sünden lagen nebeneinander, als hätte jemand beschlossen, das Wort Frühstück einmal großzügig zu interpretieren. Dahinter liefen die Dinge still weiter, ohne Aufhebens, ohne Theater, nur mit dieser unaufgeregten Perfektion, die einen fast misstrauisch macht. Briemma ließ den Blick über die Auslage gleiten und sagte: „Das ist also das friedliche Vorzimmer der Kalorien.“
Am Buffet wurde das Tonfallregister dann noch eine Spur salziger. Salmon Gravlax, Smoked Salmon, Cream Cheese, Cottage Cheese, Smoked Mackerel und die kleinen Beigaben dazu standen bereit, sauber beschriftet und offenbar mit der Überzeugung, dass man sich am Morgen durchaus schon vornehm entscheiden darf. Zwei Crewmitglieder hielten die Station in Form, während ich mich fragte, ob ein Frühstück jemals unbeobachtet einfach nur Frühstück sein kann. Carlexander nickte anerkennend in Richtung der Auswahl: „Wenn schon Anweisungen, dann wenigstens kulinarische.“
Nicht weit davon entfernt stand das nächste Versprechen in Glas und Acryl: Nectars Juicery im Emporium Marketplace, mit Menükarten für Cocktails in flüssiger Gesundheitsrhetorik. Raw, vegan, glutenfrei, laktosefrei, zuckerfrei – man hätte meinen können, das Schiff wolle nicht nur satt, sondern auch moralisch leicht machen. Die leeren Gläser unten links wirkten dabei fast höflich, als warteten sie auf Menschen, die sich ausnahmsweise einmal für einen Vitamin Sea entscheiden. Briemma sah auf den Aushang und meinte: „Selbst das Frühstück trägt hier Wellness-Kleidung.“
Dann kam das klassischere Brunch-Moment: Eggs Benedict, Avocado Toast, Brot und die ganze glänzende Ordnung einer offenen Küche, in der man sieht, dass gearbeitet wird, aber bitte nur so, dass es weiterhin elegant aussieht. Die beiden Köche hinter der Scheibe hielten den Takt, und alles wirkte sehr kontrolliert, sehr gepflegt, sehr bewusst. Carlexander betrachtete das wie ein kleines Organisationswunder und sagte: „So muss ein Frühstück aussehen, wenn es verhindern will, dass jemand die Kontrolle über den Tag übernimmt.“
Am Tisch schließlich lag mein eigentlicher Beweis dafür, dass dieser Morgen nicht bloß aus Aussicht bestand. Das servierte Gericht mit Fisch, roten Zwiebeln, Pickles und den cremigen Klecksen daneben, dazu Saft und Kaffee, machte aus dem Wort Frühstück eine Angelegenheit mit Haltung. Es bedurfte schon eines ordentlichen Katerfrühstücks bei all den guten Speisen und Tränken; Single Fashioned sei Dank, war die Lage immerhin kulturell entschuldbar. „Das“, sagte ich, „ist jetzt genau der richtige Ernst.“ Briemma hob ihr Glas. „Endlich jemand, der das Buffet emotional korrekt verarbeitet.“
Während wir noch saßen, machten sich draußen bereits die ersten Tenderboote auf den Weg, um die geführten Touren zu befüllen. Auf die Destination Experiences war man ja ohnehin oft genug unaufdringlich aufdringlich hingewiesen worden, so als wolle das Schiff sichergehen, dass niemand die Idee einer geplanten Unternehmung aus Versehen übersieht. Aus der Kabine mit Blick aufs Wasser wirkte das alles fast wie ein leises Vorwort zum eigentlichen Tag: draußen Bewegung, drinnen noch das Nachklingen des Frühstücks. Carlexander sah hinaus und stellte fest: „Jetzt geht also der Teil los, in dem die Organisation so tut, als wäre sie Natur.“