2026-05-20 – Tag 2: Frühstück im NH Hotel Calderon
Reiseepisode
2026-05-20 – Tag 2: Frühstück im NH Hotel Calderon
Tag 2 · 2026-05-20
Barcelona meldete sich nicht mit einer höflichen Verbeugung, sondern mit Sonne. Auf der Terrasse lag die Stadt weit und klar vor uns, als hätte jemand die Konturen extra scharf gestellt: links die schwere, dunkle Kuppel mit ihrer Figur auf der Spitze, dahinter die Sagrada Família in der Ferne, dazwischen Dächer, Kamine und dieses stille Treiben einer Metropole, die auch im Frühstückslicht noch ein wenig Theater spielt. Carlexander lehnte am Rand der Terrasse und blinzelte hinter seiner roten Brille in die Helligkeit. „Tag zwei“, murmelte er. „Und die Stadt tut schon wieder so, als hätte sie alles im Griff.“
Der Blick wanderte weiter hinaus, als suche er Bestätigung in der Entfernung. Stattdessen lag dort ein Hügel mit einem monumentalen Komplex, oben gekrönt von Türmen, Kreuz und einem Kreis, der aus der Ferne fast wie eine kleine, sehr ordentliche Idee wirkte. Briemma ließ den Blick darübergleiten, ruhig wie immer, und sagte nur: „Manche Städte servieren ihre Entfernungen lieber dekoriert.“ Carlexander brummte zustimmend. Unten keine Hektik, kein Menschengewirr, nur diese große, schweigende Kulisse aus Grün und Stein, als hätte das Panorama selbst beschlossen, fürs Protokoll stillzuhalten.
Noch ein Stück weiter lag ein weiteres monumentales Bauwerk im Morgenlicht, alt und aufrecht, mit Kuppeln, Spitzen und einem ungewöhnlich hellen Mast, der sich hinter die Mitte schob wie ein zu ehrgeiziger Zeuge. Die Szene blieb ruhig, der Himmel blass und offen, und selbst der kleine Vogel oben rechts wirkte eher wie ein geduldiger Kommentar als wie Bewegung. „Sehr viel Geschichte, sehr wenig Eile“, sagte Briemma. Carlexander nickte. „Das ist meist die Kombination, mit der ich am besten klarkomme.“
Drinnen hatte die Ruhe einen anderen Geschmack. Das Frühstück im NH Hotel Calderon war opulent, aber in dieser aufgeräumten Art, die einem erst ein kleines schlechtes Gewissen und dann Hunger macht. In den Körben und Schalen lagen die Dinge ordentlich nebeneinander, als hätten sie sich vorher zusammengerissen: Früchte, Toppings, Kleinigkeiten, die man gern unterschätzt, bis sie plötzlich auf dem Teller landen. Carlexander blieb vor dem Buffet stehen, als prüfe er einen Staatsakt. „Opulent“, sagte er trocken. „Das ist das Wort, das Hotels benutzen, wenn sie verhindern wollen, dass jemand ‚zu viel‘ sagt.“ Briemma hob eine Augenbraue. „Dann sagen wir nichts und nehmen uns trotzdem etwas.“
















Ein paar Schritte weiter wurde aus der Behauptung Wirklichkeit. Das Buffet war sauber aufgebaut und doch angenehm uneitel, mit warmen Tellern, Etiketten, Schüsseln und dem leisen Selbstverständnis eines Hauses, das weiß, dass Menschen morgens erstaunlich verhandelbar sind. Ein großes rundes Gefäß mit Eiern stand da wie eine Einladung zur Vernunft, daneben andere warme Speisen, Brot, Gebäck und diese kleinen roten Pflanzen, die so tun, als seien sie nur Dekoration und nicht die heimliche Strategie des Raums. „Wurst in allen Variationen“, bemerkte Carlexander, und es klang fast ehrfürchtig. „Das ist kein Frühstück, das ist ein Plädoyer.“
Am anderen Ende des Saals setzte sich die Auswahl fort, nur noch etwas konsequenter. Die Backwaren lagen in Reih und Glied, als hätten sie über Nacht eine Schulung in Disziplin besucht, und die Regale darunter standen bereit wie geduldige Statisten. Carlexander musterte die Fülle, Briemma die Ordnung. „Hotelbuffets haben immer diesen Moment“, sagte sie leise, „in dem sie sich für eine besondere Einladung halten.“ Carlexander griff nach nichts und noch nicht nach allem. „Sie sind auch eine Einladung. Nur eben an den menschlichen Maßstab von Morgen.“
Dann kam die Ecke, in der das Buffet plötzlich cosmopolitisch tat. Käse, Aufschnitt, Früchte, kleine Karten, dazu diese sorgsam gelegten Scheiben und Würfel, die jede leichte Unordnung sofort moralisch verurteilen würden. Es wirkte, als wolle das Haus sagen: Wir können Brot, aber wir können auch Charakter. Briemma lächelte schmal. „Sehr gepflegt. Fast so, als hätte hier jemand Geschmack nicht nur vermutet, sondern geplant.“ Carlexander betrachtete die Platten. „Ein seltenes Gefühl beim Frühstück. Ich werde vorsichtig damit umgehen.“
Die Morgenstimmung nahm schließlich eine unerwartete Wendung, als Sushi auf dem Tisch auftauchte. Nicht als Witz, sondern mit der souveränen Selbstverständlichkeit einer Küche, die sich nicht darum schert, was morgens angeblich dazugehört. Daneben standen Sojasauce, Gyozas, mariniertes Ei und die kleinen, sehr ernst gemeinten Etiketten auf Spanisch und Englisch. Carlexander blieb stehen und sagte: „Sushi am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen. Vielleicht auch jede letzte Ausrede.“ Briemma nahm es mit der Gelassenheit einer Katze, die schon lange weiß, dass Frühstück ein dehnbarer Begriff ist. „Dann ist wenigstens der Kummer international.“
Am Rand der heißen Station war der Speck eindeutig nicht als Nebendarsteller gebucht. Er lag da, sichtbar und ohne falsche Bescheidenheit, in einem großen Topf, so als hätte die Küche beschlossen, dass Morgenmüdigkeit mit Rauch und Salz zu beantworten sei. Der Geruch war nicht im Bild, aber man ahnte ihn dennoch. Carlexander hob die Nase. „Speck darf nicht fehlen“, sagte er. „Das ist keine Idee, das ist ein Naturgesetz mit Frühstückscharakter.“ Briemma sah ihn von der Seite an. „Du klingst, als würdest du gleich eine Verfassung dafür entwerfen.“
Wenig später war der Tisch tatsächlich gedeckt für zwei, und alles wirkte plötzlich deutlich persönlicher. Kaffee, Saft, Besteck, ein kräftiges Frühstück mit Ei, Bohnen, Wurst und Bacon, dazu die eine oder andere Hand, die bereits dabei war, zu schneiden und zu beginnen. Carlexander setzte sich mit der Würde eines Mannes, der sich nicht beeilt, obwohl er hungrig ist. „Jetzt wird es konkret“, sagte er. Briemma nickte in Richtung des Tellers. „Endlich weniger Theorie.“
Als die Teller leerer wurden, blieb von der Mahlzeit etwas sehr Ehrliches zurück: Reste, Saucenspuren, die letzten weichen Stücke auf weißem Porzellan. Kein Drama, nur die ruhige Bilanz eines Frühstücks, das ernst genommen worden war. Carlexander sah auf den fast leeren Teller und meinte: „Das ist der Moment, in dem ein Buffet aufhört, elegant zu wirken, und anfängt, wahr zu sein.“ Briemma setzte die Tasse ab. „Und das ist meistens der bessere Zustand.“
Später kehrte die Kuppel mit dem aufragenden Figurenbild wieder zurück, diesmal noch näher, noch deutlicher, mit dem kleinen Vogel als beiläufigem Zeugen in der Luft. Die Sonne stand inzwischen fest genug, um die Ornamente nicht mehr zu schmeicheln, sondern zu zeigen. Carlexander betrachtete das Bild und sagte: „Die Stadt mag große Gesten.“ Briemma antwortete ruhig: „Und wir offenbar auch, nur mit Besteck.“
Dann weitete sich der Blick erneut über Barcelona hinaus zum Hafen, wo die Stadt in Dächer, Kräne und Schiffe auslief. Zwischen den Häusern tauchten die weißen Rümpfe der Kreuzfahrtschiffe auf, groß und wartend, als würde irgendwo anders bereits der nächste Abschnitt der Reise vorbereitet. Carlexander hielt einen Moment inne. „Da also“, sagte er. „Die Zukunft, sauber vertäut.“ Briemma sah in dieselbe Richtung. „Und wir stecken noch im Frühstück fest. Auch eine Art Luxus.“
Bevor es ernst wurde mit dem Boarding, blieb noch Zeit für einen Vormittagstrugschluss namens Erholung. Auf dem Rooftop-Pool lag die Sonne hart und freundlich zugleich, und einer von uns gönnte sich ein kurzes Nickerchen im Liegestuhl, verborgen unter einem viel zu großen Hut. Carlexander nahm das mit jener leisen Bewunderung zur Kenntnis, die er für konsequente Ruhe aufbringt. „Das ist ein sehr effizienter Umgang mit Zeit“, sagte er. Briemma lächelte kaum sichtbar. „Warten kann man auch mit Haltung tun.“
Ein Stück weiter oben zeigte sich dann, dass selbst ein Dachgarten auf die praktische Seite der Dinge achten kann. Der gläserne Zugang, die Treppe, die Pflanzen, die offene Konstruktion – alles wirkte modern und aufgeräumt, und der Fahrstuhl zum und in den Pool war keine Prachtgeste, sondern eine stille Selbstverständlichkeit. Carlexander blieb davor stehen, musterte die Anlage und sagte trocken: „Auch an Inklusion wird hier nicht gespart. Das ist immerhin eine angenehm unaufgeregte Form von Fortschritt.“ Briemma nickte. „Manchmal ist das Bemerkenswerteste, dass etwas einfach funktioniert.“
Unten am Deck wartete der Pool schließlich in seinem ruhigen, ordentlichen Glanz, umgeben von Liegen, Handtüchern und dem Gefühl, dass man hier problemlos noch eine Stunde verschwinden könnte, ohne dass jemand nach einem sucht. Das Wasser war klar, der Himmel halbdurchlässig sonnig, und selbst die Schatten unter der Pergola wirkten gepflegt. Carlexander zog die Brille zurecht und sagte: „So sieht also eine Wartezeit mit Anspruch aus.“ Briemma antwortete: „Und mit Handtuch.“