Reiseepisode
2025-04-11 – Tag 4: Weißer Hof mit Pflanzen und Motorrad
Tag 4 · 2025-04-11 · Tanger
Unser Rundgang durch Tanger setzte sich in einem weißen Hof fort, in dem ein Motorrad zwischen grünen Pflanzen, vergittertem Fenster und schmiedeeiserner Tür stand. Es war eine jener Ecken, die gleichzeitig privat, praktisch und bemerkenswert sorgfältig komponiert wirken, obwohl vermutlich niemand sie für uns komponiert hatte. Carlexander betrachtete das Motorrad mit der müden Würde eines Reisenden, der Bewegung grundsätzlich begrüßt, solange sie ihn nicht persönlich fordert. Briemma hob nur den Gehstock. „Wir gehen.“ Damit war die Zuständigkeit geklärt.
Gleich darauf erklärte ein Fliesenschild die Maison d’Hôtes Dar Sultan, während darunter „ATTENTI AI GATTI“ vor Katzen warnte. Carlexander las den Hinweis mit professionellem Interesse. „Endlich transparente Kommunikation.“ Über den weißen Mauern arbeitete derweil eine Seemöwe am Nestbau und hielt Zweige im Schnabel; Kabel und Stahlstangen machten aus dem Dach eine Baustelle ohne erkennbare Bauleitung. Tanger zeigte sich damit organisatorisch vielfältig: unten Katzenwarnung, oben Materialtransport, dazwischen keine Sitzung.
Die alten weißen Fassaden hielten den Blick immer wieder fest. Ein großes dunkelbraunes Holztor mit gelber Umrandung und zackigem Giebel wirkte deutlich entschlossener als manche moderne Eingangslösung, während vergitterte Fenster darüber Distanz wahrten. Wenig später stand eine reich ornamentierte Mosaikbank an einer Steinmauer mit Zinnen. Auf einer anderen Bank hatten zwei Katzen ein weißes Tuch bezogen und lagen zwischen Pflanzen und trockenem Strauch so friedlich nebeneinander, als hätten sie den Ort ordnungsgemäß reserviert.
Die enge Gasse zwischen hohen weißen Häusern führte an Balkonen, Fenstern, Pflanzen und einem Café-Schild vorbei. Auf einer alten Steinstufe putzte sich eine braun-weiß gefleckte Katze gründlich, unbeirrt von den Schuhen und Beinen in ihrer Nähe. Ein schwarzbunter Kater saß anschließend auf dem Steinpflaster neben einer moosbewachsenen Mauer, ebenso gelassen wie ein orangefarbener Kater an einer gepflasterten Straßenecke vor diagonal gestreiftem Marmor. „Die örtliche Reiseleitung ist gut verteilt“, sagte Briemma. Carlexander widersprach nicht.
Zwischen diesen tierischen Außenstellen lag eine stille Straße mit altem Holz-Metall-Zaun, Mauer, dichten Sträuchern und Bäumen. Dann öffnete sich der Blick zu einem traditionell dekorierten Geschäft: goldfarbene Rahmen am Eingang, Vasen und Schränke im Hintergrund, ein Mann entspannt auf einem Sofa. Auf der gepflasterten Straße schob ein anderer Mann einen kleinen Verkaufsstand zwischen den Geschäften entlang. Vor einem kleinen Laden lagen schließlich Orangen auf einem Holztisch; daneben saß ein Kind im Kinderwagen, während eine Person durch die Tür trat. Alltag, ohne Bedarf an zusätzlicher Dramaturgie.














Hinter dem Marktgeschehen übernahmen Türen und Steine wieder die Führung. Eine genietete Holztür stand in einem schmalen Bereich des weißen Gebäudes, begleitet von Pflanzen und Metallgeländer. Die nächste dunkelbraune Tür war von farbigen Mosaiken gerahmt, mit dekorativen Beschlägen und goldenem Klopfer versehen; eine kleine Pflanze hielt davor die Stellung. Carlexander betrachtete beide Eingänge lange genug, um nach einem System zu suchen. „Du musst nicht jede Tür in einen Ablauf überführen“, sagte Briemma. „Bedauerlich“, antwortete er.
Die steile Steintreppe zwischen weißen Gebäuden, traditionellen Fenstern und Balkonen machte deutlich, dass Tanger Höhenunterschiede nicht verschweigt. Parallel dazu führte ein gepflasterter Weg weiter, während ein Pflanzenkorb und Lampen den Aufstieg begleiteten; fotografiert wurde ebenfalls. Ein Korb mit gelben Blüten vor einer Fensterbank setzte einen kleinen Farbakzent, ohne die grundsätzliche Zuständigkeit des Weiß zu gefährden. Briemma nahm die Stufen ruhig, Carlexander folgte mit jener Haltung, die körperliche Anstrengung als unerwartete Planabweichung behandelt.
Eine alte Steinmauer mit großem Torbogen, seitlichen Laternen und kleinem Fenster führte den Blick schließlich zum Borj En-Naam. Auf dem weißen Bau mit Zinnen und vergitterten Fenstern wehte die marokkanische Flagge; die Aufschrift bezeichnete den Ort als Ausstellungsraum zur Erinnerung an Ibn Battuta. Damit bekam der Rundgang einen historischen Fixpunkt, der keine zusätzliche Ausschmückung benötigte. Vorher waren Türen Hinweise gewesen, nun wurde das Unterwegssein selbst zum Thema. Carlexander registrierte das mit stillem Respekt, Briemma mit einem knappen Nicken.






Ein eleganter Korridor hinter einer kunstvoll geschnitzten Holzarkade wechselte die Perspektive. Schwarz-weiße Bodenfliesen gaben eine klare Richtung vor, farbige Teppiche hingen an den Wänden, und hinter der Arkade führte eine Treppe nach oben. Nach den hellen Gassen wirkte die Folge aus Holz, Mustern und geraden Linien beinahe diszipliniert. Carlexander sah darin kurz eine belastbare Wegeführung. „Es ist ein Korridor“, sagte Briemma. „Man darf Erfolge auch anerkennen“, erwiderte er.
Der touristische Stadtplan der Medina holte die Orientierung anschließend zurück ins Freie und auf die Fläche. Bastionen, Bab Al Fahs und weitere historische Gebäude waren auf Französisch und Arabisch markiert. Carlexander studierte die Karte mit dem Ernst eines Katers, der ungern zugibt, dass enge Gassen nicht auf seine persönliche Übersichtspflicht reagieren. Briemma wartete gelassen neben ihm. Der Plan erklärte zwar das Netz der Wege, aber nicht, welcher Abzweig als Nächstes interessanter aussehen würde. Für Tanger war das offenbar ausreichend.


Im Souk zog sich der Rundgang unter traditionellen Lampen weiter. Von der Decke hingen Leuchten, während Vasen und Keramikgegenstände die Regale füllten. Gleich daneben wurde das Angebot dichter: Taschen lagen auf Regalen und Koffern, in einem weiteren hellen Lederwarengeschäft hingen Taschen bis unter die Decke, während Jacken auf Ständern warteten. Die Waren nutzten jeden verfügbaren Raum. Carlexander versuchte, eine Sortierlogik zu erkennen. Briemma sah ihn an. „Nicht dein Lager.“ Damit blieb der Einkauf bemerkenswert effizient.
Die nächste Verdichtung bestand aus Dosen, Flaschen und Schalen voller Gewürze und Mischungen. Die Regale waren eng bestückt, im Vordergrund stand ein Kühlschrank mit frischen Gewürzen. Danach glänzten in einem Silbergeschäft Tassen, Schalen und Teekannen in den Auslagen, während Kunden sich umsahen oder mit dem Verkäufer sprachen. Der Wechsel von Leder zu Gewürzen und Silber geschah ohne Übergangszone. Tanger verlangte vom Blick dieselbe Beweglichkeit wie von den Füßen, nur ohne Rücksicht auf Verarbeitungspausen.
An einem Obststand saß ein Mann zwischen ordentlich angeordneten Bananen, Melonen, Äpfeln und Birnen. Kurz darauf folgten Regale mit Samen, Nüssen und Kräutern, sauber gefüllt und in großer Auswahl. Ein weiterer Stand setzte Bananen, Ananas, Äpfel, Birnen und Beeren in kräftigen Farben dagegen. Carlexander blieb bei der Anordnung hängen. „Das ist wenigstens nachvollziehbar gruppiert“, sagte er. Briemma deutete auf die nächste Gasse. „Du kannst dem Markt später ein Zertifikat schicken.“ Er verzichtete knapp.
Datteln standen in Verpackungen und in Farbtönen zwischen Braun und Gold bereit. Danach führte die Folge in einen Gewürzladen mit traditioneller Holzarchitektur, dekorativen Elementen und dicht besetzten Regalen voller Gewürze, Kräuter und weiterer Lebensmittel. Aus einzelnen Auslagen war inzwischen ein zusammenhängender Marktstrom geworden: schauen, ausweichen, stehen bleiben, weitergehen. Niemand schien eine Karte dafür zu benötigen. Carlexander hatte zwar gerade eine gesehen, doch selbst er musste einräumen, dass sie für Gerüche, Regaltiefe und spontane Richtungswechsel nur begrenzt zuständig war.










Die nächste Marktfolge begann mit Oliven in verschiedenen Farben und Sorten, teilweise mit Preisschildern versehen. Direkt darauf wechselte das Sortiment zu Hühnerteilen, Würstchen, Fett und gebratenen Produkten unter heller Beleuchtung. Auf bunten Tüchern lagen wiederum Karotten, Bohnen und Kräuter. Die Übergänge waren kurz, die Waren eindeutig. Briemma ging ruhig weiter, während Carlexander den Versuch aufgab, aus der Reihenfolge eine kulinarische Dramaturgie abzuleiten. Der Markt hatte eine, aber er war nicht verpflichtet, sie offenzulegen.
In beleuchteten Schränken lagen verschiedene Fleischwaren, darunter Teile von Hühnern, Enten und möglicherweise weiteren Vögeln; hinter dem Stand arbeitete ein Verkäufer mit blauer Schürze. Ein grüner Korb mit Hähnchen stand neben Gemüse und Getränken. Wenig später lagen Datteln in Kisten neben Brot und Fladenbrot, dahinter Eierkartons und weitere Waren. Zwei Enten hingen in einer Küchenumgebung im Vordergrund, weitere lagen auf einem Tisch. Carlexander betrachtete diese Abteilung ohne Kommentar. Briemma ließ ihm die seltene taktische Stille.
Dann änderte sich das Bild abrupt: Rosensträuße in Rot, Rosa, Weiß und Orange standen zwischen kleinen Blüten und Papierhüllen bereit. Gleich darauf kehrten Oliven zurück, diesmal an einem gut beleuchteten Stand mit Verkäufer und gefüllten Glasbehältern. Es folgten Behälter und Säcke mit Gewürzen, Nüssen, Samen und Getreide; Eier und Flaschen waren dahinter zu sehen. Die Vielfalt wirkte nicht dekorativ arrangiert, sondern arbeitsbereit. Alles hatte einen Platz, auch wenn dieser Platz für Außenstehende erst nach längerem Hinsehen erkennbar wurde.
Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln lagen in Kisten und auf Tischen, bevor ein weiterer Fleischstand mit hängenden Hähnchen, gefüllten Teigtaschen, beleuchteter Vitrine und Kühlgeräten erschien. Danach übernahmen wieder Taschen, Hüte, Schuhe, Koffer und Accessoires die Auslage, teilweise auf Holzpaletten vor dem Schaufenster. Ein Lederwarenmarkt ergänzte das Angebot um Oud und Darbuka auf schwarz-weiß kariertem Boden. „Jetzt fehlt nur noch deine Bestandsaufnahme“, sagte Briemma. Carlexander schob die rote Brille zurecht. „Die wäre umfangreich.“
Zum Schluss dieser Marktpassage wurden die Dinge kleiner und zugleich genauer präsentiert. In einem Schmuckgeschäft lagen Ringe, Ketten und Armbänder methodisch geordnet im Schaufenster. Daneben standen alte Kameras, Uhren und Accessoires in Regalen und Vitrinen eines Vintage-Ladens. Nach der Fülle aus Lebensmitteln, Leder und Instrumenten wirkte diese Ordnung beinahe beruhigend. Carlexander blieb bei den Kameras einen Moment länger stehen; nicht aus Technikbegeisterung, wie Briemma trocken feststellte, sondern selbstverständlich nur aus reisefachlicher Sorgfalt.
















An einer historischen Stadtmauer bestätigte eine Informationstafel mit dem Titel „MEDINA TANGER“ noch einmal den Ort und zeigte einen Skizzenplan des Kultur- und Erhaltungsprojekts. Danach führte eine schmale Straße an einem blauen Gitterzaun vor weißer Wand entlang; traditionelles Muster, Pflasterweg und alte Steinmauer hielten die Szene zusammen. Eine weitere alte Mauer trug Farben, Muster und ein auffälliges Graffiti, darüber verliefen elektrische Kabel. Geschichte und Gegenwart lagen hier nicht in getrennten Vitrinen. Sie benutzten dieselbe Wand.
Auf einem gepflasterten Platz stand ein Brunnen zwischen hohen Palmen und mehrstöckigen weißen Gebäuden. Menschen saßen oder standen am Rand, während der Rundgang für einen Moment mehr Raum bekam. Danach wurde es wieder schmal: Eine weiße Gasse zog sich zwischen historischen Gebäuden entlang, Flaggen hingen an einem Balkon, darunter auch die europäische. Rundbogenfenster, Ziegeldächer, Pflanzen vor den Türen und Laternen begleiteten den Weg. Briemma ging weiter, Carlexander sah zurück. „Nur zur Orientierung“, erklärte er. „Natürlich“, sagte sie.
Eine doppelflügelige dunkelbraune Tür mit geometrischen Mustern und kräftig gelbem Rahmen setzte noch einmal einen deutlichen architektonischen Punkt. Sie lag in einem reich gestalteten weißen Bogen und nahm das Motiv der früheren Tore wieder auf, diesmal präziser und farbiger. An einer weiteren Wand hing eine Informationstafel mit arabischer Schrift und Daten zur Errichtung und Eröffnung einer Moschee. Der genaue Bezug des automatisch vorgeschlagenen Namens blieb dabei besser der redaktionellen Prüfung überlassen; sichtbar war vor allem die sachliche Dokumentation am Gebäude.
Der steinige Weg führte schließlich an einem weißen Gebäude mit Apothekenschild vorbei. Auf der anderen Seite standen Pflanzen an einem weißen Balkon, außerdem waren Tische und Stühle zu sehen; im Hintergrund öffnete sich der Blick auf die Skyline von Tanger. Damit endete dieser Abschnitt nicht mit einer großen Geste, sondern mit einem Weg, der einfach weiterführte. Carlexander hatte Türen, Katzen, Märkte und Karten registriert. Briemma fasste den Tag knapper zusammen: „Du hast nicht alles geordnet.“ Er nickte. „Aber ausreichend gesehen.“




















































































































































































