Reiseepisode
2025-04-08 – Tag 1: Der Abend leitet die Taufreise luxuriös ein
Tag 1 · 2025-04-08 · Palma de Mallorca
Nach Ankunft, Orientierung und den ersten ausgedehnten Bordwegen war der Tag längst umfangreich genug, doch die Mein Schiff Relax hatte für den Abend noch eine eigene Dramaturgie vorgesehen. Im FUGU, dem Fine-Dining-Restaurant von Tim Raue, lag ein violetter Katalog mit goldener Schrift auf dem weiß karierten Tisch. Er sah weniger nach Speisekarte als nach verbindlicher Ankündigung aus. Carlexander rückte die rote Brille zurecht. „Das wird offenbar kein stilles Abendbrot.“ Briemma betrachtete den Katalog und sagte: „Deine Sorge kommt angenehm früh.“
Zur Karte gehörte eine Eintrittskarte, womit das Abendessen offiziell den Charakter einer Veranstaltung annahm. Der erste Menüabschnitt hieß „Unter Wasser – Japanisches Meer“ und führte Spicy Tuna, Hamachi-Sashimi und geflämmte Lachs-Nigiri auf. Danach folgte „Kalligrafie“ mit Pilz-Trüffel-Sud sowie Gyoza mit Jakobsmuschel und Schweinebauch. Ingwersaft, Ponzu-Dashi, Wasabi-Frischkäsecreme und Nussbutter machten schon beim Lesen klar, dass hier niemand wegen eines beiläufigen Snacks Platz genommen hatte.
Die weiteren Gänge bewegten sich zwischen Izakaya, Kintsugi und japanischem Kirschblütenfest. Knuspriges Maishuhn, geschmorte Backe vom Wagyrind und ein Sorbet von der Kirsche standen neben den jeweiligen Weinempfehlungen in jener selbstbewussten Ordnung, die jede Rückfrage wie einen kleinen Formfehler wirken lässt. Carlexander las die Getränkebegleitung gründlicher als nötig. Briemma bemerkte das sofort. „Du kannst das Menü nicht durch Kontrolle in Rotwein verwandeln.“ Das war sachlich richtig und deshalb nur begrenzt hilfreich.
Das Willkommensblatt erklärte die asiatische Küche zur Leidenschaft, verwies auf Inspirationen aus Tokio, Bangkok und Hongkong und kündigte fünf Gänge, abgestimmte Getränke sowie visuelle Projektionen an. Damit war der Rahmen gesetzt: Das FUGU wollte nicht nur servieren, sondern einen kompletten Abend inszenieren. Die Präsentation erreichte bereits vor dem ersten Teller zehn von zehn Punkten. Carlexander akzeptierte diese frühe Wertung mit der müden Würde eines Reisenden, der ahnte, dass nun sowohl der Gaumen als auch die Decke beschäftigt werden würden.





Der runde Tisch war mit gefalteten Servietten, Metallbesteck, Gläsern und roten Blütenblättern feierlich vorbereitet. Nichts daran wirkte zufällig, nicht einmal die Abstände zwischen den Gegenständen. Briemmas eleganter Gehstock stand unaufdringlich bei ihr, während Carlexander die Anordnung betrachtete, als müsse er später einen Prüfbericht abgeben. „Sehr romantisch“, sagte Briemma. „Und sehr symmetrisch“, ergänzte Carlexander. Damit waren ihre jeweiligen Zuständigkeiten für den Abend geklärt.
Über den Tischen zogen sich leuchtende Linien durch die Decke, an den Wänden wechselten digitale Landschaftsbilder, und das Restaurant sank zeitweise in blaues Licht. Laserstrahlen liefen durch den dunklen Raum, ohne die Gespräche an den runden Tischen zu verdrängen. Später erschien auf einer großen Projektionsfläche ein Feuerwerk. Die festliche Wirkung kam zuverlässig zustande, obwohl draußen dafür nichts geschehen musste. Das Ambiente war modern, aufwendig und erstaunlich geschlossen; ein Restaurant, das seine Beleuchtung nicht als Zubehör, sondern als eigenen Gang behandelte.
Zwischen dünnen Lichtstreifen, Kerzenprojektionen und wechselnden Wandbildern veränderte sich der Raum immer wieder. Mal wirkte er wie eine Bar, mal wie eine Veranstaltungshalle, dann wieder wie ein klassisches Bordrestaurant mit warmem Licht, langen Tafeln und traditionellen Kunstmotiven im Hintergrund. Die Gäste unterhielten sich, schauten auf die Projektionen oder warteten auf den nächsten Einsatz aus Küche und Inszenierung. Das alles blieb gehoben, aber nicht steif. Atmosphäre und Ambiente: topp, ohne dass Carlexander dafür eine Tabellenkalkulation öffnen musste.
Gerade dieser Wechsel machte den Abend angenehm unberechenbar. Die runden Tische hielten die Gesellschaft zusammen, während Feuerwerk, Kerzen und Landschaften an den Wänden ihre eigenen kurzen Auftritte bekamen. Briemma nahm das ruhig hin; Carlexander beobachtete jedes neue Lichtbild mit jener leichten Überforderung, die bei ihm als konzentrierte Aufmerksamkeit durchgeht. „Man könnte auch einfach essen“, sagte er. „Das tun wir doch“, erwiderte Briemma. „Nur offenbar mit Begleitprogramm für sämtliche Sinne.“








Dann begann die eigentliche Folge der Teller. Ein kleiner Auftakt mit Nori, Cashewnüssen und gelben Blättern oder Schoten lag auf dekorativem Porzellan; daneben setzte ein gelber Blütenknospen im violetten Becher einen stillen Farbakzent. Es folgten weißer Reis mit rotem Gemüse und dunkler Garnitur sowie eine rote Suppe mit Tofublöcken und dunklen Kräutern oder Gemüsestücken. Das violette Licht veränderte die Farben kräftig, doch nicht die grundsätzliche Aufgabe des Abends: aufmerksam probieren und möglichst nicht jeden Teller wie ein Beweisstück behandeln.
Die asiatische Fusionsküche funktionierte besonders dort, wo Säure, Schärfe und feine Texturen klar blieben. Schwieriger wurde es, sobald ein gutbürgerlicher Hauch zu deutlich durch die Komposition zog. Zwei gefüllte Teigtaschen lagen in dunkler Sauce auf blau-weißem Porzellan, umgeben von Gläsern und roten Blütenblättern. Ein weiteres Gericht zeigte eine knusprige Kruste in cremiger Sauce, ergänzt durch eine Zitronenscheibe und eine Blüte. Die Präsentation blieb durchgehend präzise; geschmacklich landete der Abend bei soliden sieben von zehn Punkten.
Andere Teller arbeiteten mit roter Sauce, einem grünen Blatt und einem orangefarbenen Element, während eine dekorative Schale gekochte grünliche Erdnüsse trug. Das Kirschdessert setzte anschließend deutlich stärker auf Wirkung: eine zentrale Schokoladenbasis, cremige Blütenformen, frische Kirschen und eine rote Blütenverzierung auf floralem Porzellan. Das war üppig, kontrolliert und ohne Zweifel fotobereit. Briemma betrachtete Carlexanders sorgfältige Bestandsaufnahme. „Du darfst es auch essen.“ Er nickte. „Ich wollte nur sicherstellen, dass die Architektur vollständig dokumentiert ist.“
Beim Trinken wurde Carlexanders Urteil strenger. Mineralwasser stand neben einer Flasche Waterkant Flut, anschließend wurden zwei Flaschen Dreissigacker Nanami, eine Flasche Monkuzaï und schließlich Senchō mit dem Hinweis „Hanami by Tim Raue“ präsentiert. Ein roséfarbenes Glas kam ebenfalls zum Einsatz. Carlexander ist kein Weißweintrinker; entsprechend half ihm die ambitionierte Begleitung nur eingeschränkt. Noch schwerer wog, dass unterschiedliche Weine aus denselben Gläsern getrunken wurden. Vier von zehn Punkten, entschied er, und sah dabei aus, als sei eine internationale Norm verletzt worden.
„Es sind Gläser, keine Systemlandschaft“, sagte Briemma ruhig. Carlexander widersprach nicht, was bei ihm als deutlicher Protest gelten darf. Drei teilweise gefüllte Gläser standen im violetten Nachtlicht zwischen roten Blütenblättern und fassten das Problem optisch schöner zusammen, als er es sprachlich gekonnt hätte. Zum Abschluss erschien noch Kaffee auf einem floral dekorierten Teller, mit Milch und kleinen Zuckerwürfeln im Getränk. Nach fünf Gängen, Weinpräsentationen und wechselnden Farben war das fast schon der nüchterne Teil des Abends.
















Zwischen den Gängen verlagerte sich die Aufmerksamkeit regelmäßig von den Tellern zur Inszenierung. In der farbig beleuchteten Halle stand ein Sänger auf der Bühne, während das Publikum an Tischen mit Getränken saß. Danach übernahmen digitale Bildwelten: eine traditionell gekleidete Figur vor Bergen und Bäumen, ein animierter Samurai vor abstrakten Farben und ein leuchtendes Torii-Tor im dunklen Raum. Das FUGU behandelte Wartezeit offenbar nicht als Lücke, sondern als Fläche, die zuverlässig bespielt werden musste.
Weitere Projektionen zeigten traditionelle Architektur mit rotem Dach, blühende Bäume und eine Figur im orangefarbenen Gewand. Der Raum veränderte sich damit erneut, ohne dass Carlexander und Briemma ihre Plätze verlassen mussten. Schließlich erschien eine dunkle Theaterszene mit einer Figur auf einem zentralen Podest und dem sitzenden Publikum davor. Briemma folgte dem Wechsel gelassen. Carlexander wirkte, als müsse er gleichzeitig Restaurantkritik, Bühnenbeobachtung und Reiseprotokoll führen. „Du könntest einfach schauen“, sagte sie. „Ich schaue strukturiert“, antwortete er.
Die Inszenierung war technisch sichtbar, aber nicht kühl. Licht, Bühne und Projektionen begleiteten das Menü, statt nur dekorativ im Hintergrund zu laufen. Nicht jedes Bild brauchte eine tiefere Deutung; manches sorgte schlicht dafür, dass der Blick zwischen zwei Tellern nicht auf dem eigenen Glasbestand liegen blieb. Für Carlexander war das vermutlich Absicht. Für Briemma war es ein gut organisierter Abend. Und für das Restaurant war es der Beweis, dass Fine Dining an Bord auch als fortlaufende Aufführung funktionieren kann.






Zum späteren Teil des Abends erschienen kurze Texte auf den Projektionsflächen. Zweimal wurde eine Drachenpassage mit stilisierten Schweifen gezeigt, anschließend folgte eine Tafel über die Geisha und ihren Fächer. Die Bilder waren deutlich mythologisch gestaltet, doch Carlexander beließ es bei der sachlichen Feststellung, dass nun auch die Lyrik einen eigenen Gang erhalten hatte. Briemma las mit. „Du musst das nicht bewerten.“ Carlexander sah zur Projektion. „Dann hätte man keine Zahlen im Menü ankündigen dürfen.“
Greifbarer wurde die Tafel über Kintsugi: Zerbrochenes wird mit Gold verbunden und gerade durch die sichtbaren Bruchstellen neu gestaltet. Goldene Fragmente im dunklen Raum unterstützten die Erklärung. Danach folgte ein Text über Familie, weiß auf schwarzem Hintergrund. Die Projektionen verlangten keine Diskussion und bekamen auch keine lange. Sie ordneten Begriffe, Bilder und Gerichte zu einer thematischen Linie, während an den Tischen weiter gegessen, getrunken und zugeschaut wurde.
Auch das Meer erhielt ein kurzes Gedicht, gefolgt von fallenden Kirschblüten und einer Kalligrafie-Projektion über Pinselstrich, Tinte und stilles Papier. Die Formulierungen waren deutlich feierlicher als Carlexanders gewöhnlicher Reisebericht. Er nahm sie trotzdem aufmerksam zur Kenntnis, schon weil der erste Reisetag nun endgültig bewiesen hatte, dass an Bord selbst ein Abendessen mehrere Erzählebenen besitzen konnte. Briemma fasste es pragmatischer zusammen: „Gutes Licht, interessante Teller, schwieriger Wein.“ Mehr Präzision war an diesem Punkt kaum erforderlich.
So leitete der Abend in Palma de Mallorca die Taufreise luxuriös ein: mit einer Präsentation von zehn Punkten, einem ausgezeichneten Ambiente, einem Essen von sieben und einer Weinbegleitung von vier Punkten. Die Mein Schiff Relax hatte aus fünf Gängen ein visuelles Programm gemacht und damit den ohnehin langen ersten Tag noch einmal erweitert. Carlexander verließ das FUGU nicht vollständig überzeugt, aber gründlich versorgt mit Beobachtungen. Briemma war zufrieden genug, ihn nicht an die Gläserfrage zu erinnern. Für einen Reiseauftakt war das nahezu harmonisch.







