2026-05-27 – Tag 9: Wehmütiger Abschied am Abreisetag

2026-05-27 – Tag 9: Wehmütiger Abschied am Abreisetag

Reiseepisode

2026-05-27 – Tag 9: Wehmütiger Abschied am Abreisetag

Tag 9 · 2026-05-27

Der letzte Morgen begann mit dieser merkwürdigen Mischung aus Disziplin und Abschiedsschmerz, die nur Abreisetage so zuverlässig erzeugen. Alles war perfekt organisiert, was natürlich schon verdächtig war: Wenn auf Reisen alles zu glatt wirkt, hat das Universum meist noch eine Kleinigkeit in der Tasche. Ich saß in der Lounge und wartete auf den Aufruf zum Chauffeur, als hätte ich noch alle Zeit der Welt. Dabei war ich innerlich längst bei den Koffern und dem unangenehm klaren Gedanken, dass die schöne Lady Explora I heute ohne uns weiteratmen würde.

Zum Glück half die Aussicht über den Hafen dabei, den Abschied etwas würdevoller zu verpacken. Das Wasser lag ruhig da, als hätte es von all dem Organisationsfleiß ebenfalls gehört und beschlossen, sich vorbildlich zu benehmen. Drüben standen die Schiffe und Anlagen im harten Tageslicht, nüchtern und groß, und doch hatte der Blick etwas Feierliches. Briemma sah in Richtung Ufer und meinte trocken: „Sehr schön. Fast so, als wolle die Welt uns nicht gleich mit einem Transfer überfallen.“ Ich musste ihr recht geben; für einen Moment wirkte selbst der Industriehafen wie ein ordentlicher Vorhang fürs Finale.

Weil Warten bekanntlich hungrig macht, landete das, was man großzügig als Dessert bezeichnen durfte, vor mir auf dem Teller. Ananas, Erdbeeren, Brombeeren und eine Melonenscheibe lagen so sauber arrangiert, als hätten sie selbst begriffen, dass es heute um letzte Höflichkeit ging. Der kleine Glasbecher mit der gelb-orangen Sauce stand daneben wie ein souveräner Nachsatz. Ich aß langsam, nicht aus Genuss allein, sondern auch aus der Hoffnung, durch gemessene Bewegung den Abfahrtsaugenblick etwas zu verzögern. Briemma sah auf meinen Teller und sagte nur: „Abreise mit Obst. Das ist fast aristokratisch.“

Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Dessert auf dem Teller
Dessert auf dem Teller
Digitale Projektion im Dinner Raum
Digitale Projektion im Dinner Raum
Dessert auf dem Teller
Dessert auf dem Teller
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick mit Kreuzfahrtschiffen
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Projektion mit Text im dunklen Raum
Projektion mit Text im dunklen Raum
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Digitale Projektion im Dinner Raum
Digitale Projektion im Dinner Raum
Buffet mit Speisen
Buffet mit Speisen
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser
Gefüllter Kühlschrank in der Kabine
Gefüllter Kühlschrank in der Kabine
Buffet mit Speisen
Buffet mit Speisen
Projektion mit Text im dunklen Raum
Projektion mit Text im dunklen Raum
Hafenblick am Wasser
Hafenblick am Wasser

Später zogen wir uns in diesen stillen, modern schimmernden Bereich zurück, in dem die große digitale Projektion wie ein Hinweis auf eine Unterhaltung wirkte, die gerade nicht stattfand. Die Liegen standen ordentlich da, die Glasflächen glänzten, und selbst der leere Wasserbereich in der Mitte schien auf Pause gestellt. Die Szene hatte etwas von einem Schiff, das freundlich bleibt, aber unmissverständlich signalisiert: Hier wird nicht mehr viel begonnen. Wir warteten also weiter, zwischen Licht, Architektur und dem kleinen Rest von Ungeduld, den ein Abreisetag immer übrig lässt.

Auf dem Tisch in der Lounge standen zwei Getränke, als hätte jemand beschlossen, dass auch das Warten ein Format braucht. Der dunkle Drink im hohen Glas und das zweite Glas mit der feinen, schaumigen Haube wirkten beinahe zu elegant für die schlichte Tatsache, dass wir eigentlich nur auf ein Zeichen für den Chauffeur warteten. Die kleine Blüte in ihrer Schale machte die Sache nicht weniger ironisch. „Man serviert uns hier den Abschied wie einen Aperitif“, murmelte ich. Briemma hob den Blick über den Rand ihres Glases und sagte: „Dann trink ihn langsam. Er kommt ohnehin von selbst.“

Beim Blick auf die Explora, die im Hafen lag und ihren Namen so deutlich trug, wurde das Wehmütige dann endgültig sichtbar. Das Schiff stand dort groß und glatt, mit Balkonen, Lifeboats und diesem fast zu eleganten Selbstverständnis, das gute Kreuzfahrtschiffe nun einmal mit sich führen. Unten arbeiteten noch ein paar Menschen an der Seite, als wäre das Ende einer Reise nur ein weiterer technischer Vorgang. Für uns war es natürlich mehr als das. Es war der Moment, in dem man sich höflich verabschiedet und gleichzeitig schon weiß, dass man später viel zu oft an genau diesen Anblick denken wird.

Die oberen Decks mit dem schwarzen, goldschriftigen Explora-Funnel wirkten im klaren Licht beinahe feierlich. Keine Deckszenen, kein Betrieb, nur die ruhige, selbstbewusste Silhouette des Schiffs gegen den Himmel. Es hat immer etwas Tröstliches, wenn ein Schiff so wenig aufgeregt aussieht wie seine Gäste am letzten Tag, fand ich. Briemma nickte nur und stützte sich leicht auf ihren Gehstock. „Große Gesten“, sagte sie, „sind auf See meist nur eine andere Form von Abschied.“ Ich notierte mir innerlich, dass sie damit wieder einmal unangenehm richtig lag.

Dann kam der Gegenwartscheck, nüchterner als jedes Hafenbild: Auf der Karte war deutlich zu sehen, was wir schon gespürt hatten. Der Generalstreik war offenbar in irgendeiner Informationskette untergegangen, und fast alle Straßen waren gesperrt. Das macht jede Abreise sofort poetischer, wenn man Optimismus für eine Verkehrslösung halten möchte. Wir standen also nicht nur an Bord auf Abruf, sondern auch im Schatten eines sehr realen Umwegs. „Es wäre nett gewesen, das früher zu erwähnen“, sagte ich. Briemma schaute auf die gesperrten Linien und erwiderte: „Dann hätten wir uns bloß früher geärgert.“ So gesehen war die Lage wenigstens konsequent.

Zu früh da zu sein, ist auf Reisen eine spezielle Form der Selbstdisziplin, und wir beherrschten sie diesmal aus Gründen, die nicht unserer freien Wahl entsprangen. Im dunkleren Raum mit der Projektion warteten wir also weiter, obwohl das Gefühl sagte, man könnte längst irgendwo anders sein. Die Bildfläche wirkte wie ein stiller Beweis dafür, dass selbst moderne Räume beim Warten nicht helfen können, sie verkleiden es nur besser. Briemma sah zum Bildschirm und meinte: „Das ist kein Aufbruch. Das ist Erwartungsmanagement.“ Ich konnte ihr nicht widersprechen.

Als Carlexander dann seinen Multipass zückte, bekam das Ganze immerhin einen Hauch von Heldentum, auch wenn es eher ein sehr geordnetes Heldentum war. Während die anderen Gäste warten mussten, blieb mir nur der stille Triumph des Spezialausweises. Ich ging also voran, den Multipass in der Hand, und stellte die Koffer ab, als würde ich eine Mission abschließen und nicht bloß eine logistische Hürde nehmen. „Fünfte Element lässt grüßen“, murmelte ich halblaut, und Briemma verzog genau in dem Maß die Mundwinkel, das bei ihr als Zustimmung durchgeht. Es war einer dieser Momente, in denen sich Großspurigkeit und Abläufe überraschend gut vertragen.

Später lief ich an den Wartenden vorbei, die Beine etwas steif, aber die Haltung gewahrt, und stellte die Koffer dort hin, wo sie hinmussten. Corben Dall… äh Carlexander, Multipass, und abgeben: Das klang in meinem Kopf dramatischer, als es in der Realität aussah, aber man muss sich ja auch unterwegs etwas gönnen. Die Flughafen- oder Terminallogik hatte sich inzwischen vollständig durchgesetzt, und die Bewegung im Raum war die übliche Mischung aus Geduld, Schieben und Hoffen. „Du siehst aus, als hättest du das extra erfunden“, sagte Briemma. „Nein“, antwortete ich, „nur professionell ausgeführt.“

Zurück in der Lounge war das Leben wieder in seinen ruhigen, gut organisierten Zustand gefallen. Menschen saßen, standen, warteten, tranken, und zwischen Buffet und Sitzgruppen lag diese fast respektable Form von Abreisealltag. Die Zone mit Speisen und Getränken wirkte wie eine letzte Versicherung gegen schlechte Laune. Es war alles ordentlich, freundlich und gerade deshalb so eindeutig vorläufig. „Nimm noch etwas“, sagte Briemma, „wenn man schon gehen muss, dann wenigstens nicht mit leerem Magen und voller Würdeverlustbilanz.“ Ich tat, wie mir geheißen wurde.

Die Stärkung fiel dann genau so aus, wie eine Abreise-Stärkung eben ausfällt: nicht opulent, aber notwendig. Noch einmal griff ich zum Buffet, weil es eben wenig gegeben hatte und der Tag bis hierher mehr auf Organisation als auf Genuss gesetzt hatte. Die warmen Speisen standen sauber bereit, die Teller wanderten, und für einen Moment war die Welt wieder erstaunlich praktisch. Briemma beobachtete das Geschehen mit der Gelassenheit einer Katze, die längst weiß, dass gutes Timing im Leben selten mit tatsächlichem Hunger zusammenfällt. „Reisen“, sagte sie, „sind am Ende doch nur eine elegante Form von Zwischenverpflegung.“

Ein letzter Blick über das Wasser erinnerte daran, dass der Abschied nicht nur aus Schaltern, Koffern und Wartezeiten bestand. Draußen lag der Hafen ruhig, als hätte er beschlossen, uns nicht unnötig sentimental zu prüfen. Gerade diese Ruhe machte die Situation beinahe schwerer: Man sieht etwas Schönes, weiß, dass es vorerst vorbei ist, und merkt dann, wie schnell selbst ein guter Tag in ein ordentliches Ende kippen kann. Ich atmete einmal tief durch und sagte leise: „Das war’s dann wohl.“ Briemma antwortete: „Für heute nur. Für Erinnerungen leider nicht.“

Zurück in der Kabine zeigte sich der kleine, praktische Rest der Reise in seiner schönsten Form: der gefüllte Kühlschrank. Flaschen und Dosen standen dort bereit, als wollten sie sagen, dass selbst das Ende einer Reise mit etwas Sorgfalt ausgestattet sein darf. Der Anblick hatte etwas Beruhigendes, fast Geschäftsmäßiges. Es war die Art von Ordnung, die einem hilft, den Koffer nicht nur zu schließen, sondern innerlich auch einen Deckel auf den Tag zu legen. „Man könnte glauben, wir seien vorbereitet“, sagte ich. Briemma sah in das Fach und erwiderte: „Wir sind vorbereitet. Nur die Abfahrt hat das noch nicht ganz akzeptiert.“

Auch die Speisenstation blieb in diesem Sinn ganz bei sich: ordentlich, funktional, auf Vorrat gestellt. Die Brotrolle unter dem warmen Metallgehäuse sah aus, als hätte jemand beschlossen, dass selbst Brot einen letzten würdevollen Auftritt verdient. Solche Details sind auf Abreisetagen fast tröstlicher als große Gesten, weil sie nichts versprechen außer Nützlichkeit. Ich nahm einen Blickkontakt mit den Brötchen auf, der vermutlich länger hielt als nötig. Briemma schnaubte leise. „Du verabschiedest dich jetzt schon vom Gebäck?“ – „Von allem ein bisschen“, sagte ich. „Das verteilt den Schmerz besser.“

Dann wurde auch noch das sehr moderne Schicksal der unterwegs technischen Zuversicht sichtbar: ein AirPods-Pro-Popup, das ohne jede Scham mitteilte, dass ein Ohrstöpsel fast leer war, während das Case brav auf 100 Prozent stand. Was passiert wohl, wenn man Airpods nicht auflädt? Genau das, dachte ich, und offenbar ist selbst Elektronik an Abreisetagen nicht frei von kleinen Demütigungen. Briemma betrachtete die Anzeige und war sichtlich schadensfroh. „Ein 5-Prozent-Problem“, sagte sie. „Das ist fast schon philosophisch.“ Ich zog die Augenbrauen hoch und entgegnete: „Zum Glück ist wenigstens das Gehäuse vorbereitet.“

Und schließlich kam der Rückflug, sichtbar erst aus der Höhe, dann im Kopf. Die Berge unter uns lagen dunkel und weit, Wolken schwebten dazwischen, und alles, was zuvor Hafen, Lounge und Ordnung gewesen war, wurde plötzlich zu einem anderen Kapitel in der Luft. Es war der stille, klare Schlussakkord eines Tages, der uns erst mit perfekter Organisation eingelullt und dann mit Generalstreik, Warterei und wehmütigem Abschied doch noch einiges abverlangt hatte. Ich lehnte mich zurück und sagte nichts mehr. Briemma sah aus dem Fenster und meinte nur: „Jetzt beginnt die Rückreise.“ Und ich dachte: Ja. Leider.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert