2026-05-23 – Tag 5: Mittagessen und vorbereiten auf den Abend
Reiseepisode
2026-05-23 – Tag 5: Mittagessen und vorbereiten auf den Abend
Tag 5 · 2026-05-23
Mittags auf einem Schiff ist die Welt gern ein wenig ordentlicher als man selbst. Vor dem Gang in den Buffetbereich stand erst einmal diese merkwürdige Disziplin des Ankommens: kein großes Spektakel, nur polierte Flächen, warme Lampen und eine Auslage, die so sorgfältig wirkte, als würde sie für ein stilles Urteil vorbereitet. Carlexander musterte die Pizzastücke hinter dem Glas wie ein Kritiker, der eigentlich nur Hunger hat. „Sehr schön“, sagte er trocken, „ein Raum, in dem man sich beiläufig selbst für vernünftig hält.“ Briemma hob nur eine Braue und setzte ihren Stock leicht neu an, als würde sie dem Satz still zustimmen, ohne ihm zu viel Gewicht zu geben.
Später wurde es dann tatsächlich gemütlich, was auf Reisen meist bedeutet: Man nimmt etwas, das ordentlich angerichtet ist, und tut so, als sei es eine kleine Pause von der eigenen Existenz. Das Sushi lag präzise auf dem Teller, mit Wasabi, Ingwer und der ganzen stillen Logik eines Mittagessens, das nichts beweisen muss. Carlexander beugte sich über die Auswahl und sagte: „Natürliche Form ist das also.“ Briemma lächelte schmal. „Erstaunlich, wie wenig man dafür erklären muss.“ Es war genau die Art von Mahlzeit, bei der selbst das Schweigen nach Hotel und Meer schmeckt.
Am Buffet daneben zeigte sich wieder diese gepflegte Großzügigkeit, die man nur auf Reisen richtig würdigt: warme Speisen unter roten Lampen, sauber beschriftet, ordentlich gereiht, alles bereit für Menschen, die lieber wählen als warten. Carlexander schaute auf die Anordnung und nahm den Takt der Servicewelt mit einer gewissen Resignation zur Kenntnis. „Es ist fast beruhigend“, murmelte er, „wenn Selbstbedienung so aussieht, als hätte sie einen Vorstand.“ Briemma nickte in Richtung der glänzenden Abdeckungen. „Oder wenigstens einen klaren Plan.“ Und für einen Moment wirkte es tatsächlich so, als hätte der Tag beschlossen, sich nicht weiter aufzudrängen.






Nach dem Mittagessen zog es die beiden nach draußen, dorthin, wo das Schiff am Wasser lag und die Bewegung plötzlich wieder von Licht und Weite bestimmt wurde. Auf dem Pooldeck war erstaunlich viel Platz; ein Hafen-Tag hat offenbar die angenehme Nebenwirkung, dass die Passagiere sich irgendwo auf dem Schiff verstreuen und jeder Abschnitt der Reling ein kleines Privatgut wird. Ein Gast lag ganz entspannt auf der Liege, als hätte er den Tag längst gewonnen. Carlexander blieb am Rand stehen und sah über die ruhige Fläche. „So leer“, sagte er, „als hätte jemand den Andrang verlegt.“ Briemma blickte über das Wasser und antwortete nur: „Wahrscheinlich ist er irgendwo anders beschäftigt.“
Dann kam der Teil, der nach einer geradezu überzivilisierten Idee klang: zurück an die Poolbar, ein Cocktail in der Hand, und anschließend auf dem Weg zur Suite fast niemandem begegnen. Genau so war es auch. Der Drink funkelte im Glas, mit Eis und Limette, als hätte der Nachmittag beschlossen, sich noch ein wenig länger hinzuziehen, obwohl die Sonne schon nüchtern genug war. Carlexander nahm den Anblick mit jener Würde auf, die man nur aufbringen kann, wenn man weiß, dass der Arbeitstag aus Aussicht besteht. „Hafenstunden haben ihre Vorzüge“, sagte er. Briemma hob das Glas leicht. „Vor allem, wenn das Schiff sich dafür erstaunlich leer benimmt.“ Dass man auf dem Rückweg kaum jemandem begegnete, war dabei kein Mangel, sondern eher ein stiller Luxus, den das Schiff ohne Werbung beherrschte.
Zum Schluss blieb noch die vielleicht wichtigste Entscheidung des Tages: der Blick in die Bar-Karte. Das Dokument war so umfangreich, dass es nicht nach Auswahl, sondern nach Charakterstudie aussah. Carlexander las die Namen mit dem Ernst eines Mannes, der weiß, dass ein guter Cocktail auch eine kleine Behauptung über das eigene Lebensgefühl ist. „Reserved Martini, Golden View, French 75 …“ Er setzte ab und sah zu Briemma hinüber. „Man gibt sich hier Mühe, das Verlangen elegant zu benennen.“ Briemma strich mit dem Stock einmal über den Boden und lächelte beinahe unmerklich. „Das ist der Zweck eines guten Abends. Zuerst wählt man den Drink, dann die Haltung dazu.“ Carlexander klappte die Karte etwas langsamer zu, als sei die Nacht damit bereits ordentlich vorbereitet.