2026-05-23 – Tag 5: Fine Dining im Exklusiv Restaurant Anthology
Reiseepisode
2026-05-23 – Tag 5: Fine Dining im Exklusiv Restaurant Anthology
Tag 5 · 2026-05-23
Schon der Eingang machte unmissverständlich klar, dass dieser Abend nicht für hastige Entscheidungen gedacht war. ANTHOLOGY leuchtete an der Wand, als hätte jemand dem Wort noch etwas mehr Gewicht gegeben, und darunter lag diese stille, moderne Ruhe, die in guten Häusern gern so tut, als sei sie ganz selbstverständlich. Wir waren zu früh. Natürlich waren wir zu früh. Deutsche Pünktlichkeit ist eben keine Eigenschaft, sondern ein kleines gesellschaftliches Ereignis.
Im Restaurant war der Service noch in der Phase vor dem eigentlichen Geschehen. Alles stand bereit, glatt und höflich, als würde der Raum den Atem anhalten, bis die Gäste endlich den Takt übernehmen. Ein Mann ging in dunklem Anzug durch den Saal und verschwand wieder aus dem Blick, während die Tische mit Gläsern und weißen Tüchern so ordentlich dastanden, dass man fast das schlechte Gewissen spürte, überhaupt schon Platz genommen zu haben.
Auf dem Tisch lag dann die Speisekarte wie ein kleines Versprechen, sorgfältig aufgeschlagen und voller Namen, die mehr nach Reise klangen als nach Abendessen. Ricordo del Mare, Vitello Tonnato, Spaghetti alla Nerano, Granita alla Grappa di Bolgheri Sassicaia, Euforia di Cioccolato. Carlexander hob die rote Brille leicht an und sagte trocken: „Wenn das hier schiefgeht, dann wenigstens stilvoll.“ Briemma blätterte mit jener Ruhe, die nur Menschenlosigkeit oder gute Erziehung möglich macht, und meinte: „Wir sind zu früh. Also haben wir wenigstens Zeit, uns zu entscheiden, bevor uns das Menü entscheidet.“





























Der erste wirkliche Anfang war klein und fast beiläufig: Brot, ein Messer, eine Schale mit Suppe, und diese stille, formale Selbstverständlichkeit, mit der ein Tisch plötzlich zum Schauplatz wird. Es hatte nichts Eiliges, nur die feine Spannung eines Abends, der sich noch nicht ganz öffnen wollte. Carlexander nahm ein Stück in die Hand, als prüfe er nicht den Teig, sondern die Weltlage.
Daneben lagen die knusprigen Begleiter, zwei kleine, dreieckige Stücke, die so unauffällig wirkten, als wollten sie bloß nicht auffallen und dadurch erst recht wichtig wurden. In Anthology ist selbst das, was nach Lücke aussieht, sorgfältig platziert. Man könnte fast meinen, der Raum habe beschlossen, dass ein guter Auftakt nicht laut sein muss, solange er exakt genug ist.
Dann kam Bewegung in den Abend, in Form einer Flasche Moët & Chandon, die nicht posierte, sondern einfach dastehen durfte wie jemand, der seinen Auftritt bereits hinter sich hat. Draußen lag das Wasser im Licht, dahinter die Berge, und der Saal behielt seine ruhige Eleganz. „Leider kein Aperitif im Bild“, murmelte Briemma, „aber der Müd und Schangdeng tut es auch.“ Carlexander nickte nur. Manche Entschuldigungen sind in Wahrheit ein sehr anständiger Ersatz für Vorfreude.
Die erste kleine Kostbarkeit kam als Lobster-Schaumsüppchen und Busquet, zart und kühl genug, um sofort ernst genommen zu werden. Es lag diese feine, fast französisch anmutende Präzision darin, die nicht drängt und gerade deshalb hängen bleibt. Briemma kostete und hob kurz die Brauen. „Sehr lecker“, sagte sie. Mehr musste man dazu eigentlich nicht sagen, und doch war damit bereits der halbe Abend gerettet.
Dass nebenan auch der Hummer mit Kaviar auftauchte, war weniger Überraschung als logische Konsequenz dieses Tisches. Die Kombination wirkte aromatisch, edel und gerade unangenehm nah an dem Punkt, an dem man sich selbst ein bisschen verwöhnt vorkommt. Briemma bemerkte trocken: „Das hätte ich sonst nie gegessen.“ Carlexander sah auf den Teller und antwortete: „Dafür sind wir ja hier. Um Dinge zu essen, von denen man zuhause sagt, sie seien unnötig – und dann doch den zweiten Bissen zu planen.“
Die sizilianischen roten Garnelen brauchten keinen großen Auftritt, um zu überzeugen. Sie lagen da mit jener stillen Selbstsicherheit, die gute Produkte haben, wenn niemand ihnen mit Marketing in die Suppe geredet hat. Carlexander war sofort versöhnt. Sein Gaumen, so wirkte es jedenfalls, hatte an diesem Abend eine sehr deutliche Meinung und wollte sie in Ruhe behalten.
Hinter der Scheibe der offenen Küche herrschte die Ruhe vor dem Sturm, und weil wir zu früh waren, bekamen wir genau diesen Zwischenzustand zu sehen: vorbereitete Flächen, konzentrierte Bewegung, Menschen in Arbeit statt im Theatermodus. Die Küche wirkte organisiert, fast streng, aber ohne die nervöse Hektik, die man in solchen Momenten gern romantisiert. Hier wurde vorbereitet, nicht performt. Das ist im Grunde die angenehmste Form von Luxus.
Auf dem Tisch stand inzwischen auch der „Allucià Grillo“, und Briemma nannte das Etikett einen Blick Richtung Sommer, was nicht ganz unpassend war. Hell, frisch und so aufrecht, als hätte der Wein kurz vor dem Einschenken noch die Sonnenbrille abgelegt. Carlexander hob sein Glas und sagte: „Kein Wein für große Reden.“ Briemma lächelte schmal. „Gut. Dann trinken wir ihn eben nicht mit großen Reden.“
Der Lugana von Ottella kam gleich danach mit einer sehr kontrollierten Form von Eleganz an den Tisch. Dunkel in der Flasche, goldene Ruhe im Etikett, und draußen wieder dieses Wasser, das dem ganzen Raum einen zweiten Horizont gab. Carlexander nannte ihn einen eleganten Zwischenstopp am See, und das traf es ganz gut: frisch genug für den ersten Schluck, seriös genug für den zweiten und gefährlich nah an der kleinen Tischtradition, die am Ende eines guten Abends plötzlich sehr vernünftig erscheint.
Dann folgte das Vitello Tonnato mal anders lecker, nicht als Pflichtübung, sondern als sorgfältig komponierte Variante, die ihren eigenen Ton anschlug. Die Teller hatten die ruhige Präzision eines Ortes, der genau weiß, was er kann, und deshalb nicht laut werden muss. Briemma probierte, nickte und sagte nur: „Anders ist manchmal die höflichere Form von besser.“
Der nächste Wein, Le Creete Lugana von Ottella, brachte wieder diese angenehm feste Ruhe mit. Nicht aufdringlich, nicht geschniegelt, aber so gesetzt, dass man unwillkürlich langsamer trinkt. Carlexander betrachtete die Flasche und meinte: „Das ist ein Wein, der nicht fragt, ob er willkommen ist.“ Briemma antwortete: „Er weiß es einfach.“
Mit den Spaghetti alla Nerano kam eine jener Teller, die fast zu schön wirken, um sie ohne inneren Widerstand anzugreifen. Aber genau dafür ist gutes Essen ja gemacht: um die höfliche Distanz kurz aufzulösen. Der Teller roch nach Sommer, ohne ein Sommerklischee zu sein, und Carlexander nahm den ersten Bissen mit der Würde eines Katers, der weiß, dass er gleich Recht behalten wird.
Der Langustinen-Raviolo in Tomatenconsommé erschien wie ein präziser Gedanke: klar, fein und ganz ohne dekorative Umwege. Die Tomate hielt sich vornehm zurück, die Füllung ebenso, und gerade daraus entstand diese ruhige Intensität, die in einem Menü oft mehr Eindruck macht als jede laute Kombination. „Perfekt balanciert“, murmelte Briemma. Carlexander antwortete nicht sofort, sondern aß lieber den nächsten Löffel.
Die Grissini waren dann das heimliche Kapitel des Abends. So gut, dass Carlexander aus Scherz – oder zumindest aus jener Sorte Ernst, die sich als Scherz verkleidet – bat, sie für den Abendsnack mit aufs Zimmer zu bringen. Host Sanal bekam das tatsächlich hin, was an sich schon fast der Beweis ist, dass in einem guten Haus selbst der Nebensatz ernst genommen wird. „Ich wollte doch nur fragen“, sagte Carlexander später. Briemma sah ihn an. „Genau deshalb funktioniert es.“
Mit der Granita alla Grappa di Bolgheri Sassicaia änderte der Abend die Temperatur und ein wenig auch seinen Ton. Erfrischend, knisternd, fast wie ein Echo aus den achtziger Jahren, das sich nicht ganz entscheiden kann, ob es Erinnerung oder Überraschung sein möchte. Carlexander nahm den ersten Löffel und sagte: „Das klingt, als hätte die Nacht plötzlich einen eigenen Rhythmus.“ Briemma nickte nur. Manche Desserts sind eben weniger Abschluss als ein sauber gesetzter Zwischenruf.
Der Ronchedone Vino Rosso von Cà dei Frati trat mit jener roten Gravitas auf, die schon beim Einschenken „Hauptgang“ sagt. Dunkel, würdevoll, fast samtsesselhaft, und eindeutig nicht hier, um höflich zu nicken. Dazu passte das Wagyu Rinderfilet in Amarone-Sauce, perfekt gegart und so selbstverständlich präzise, dass niemand am Tisch Lust hatte, es mit überflüssigen Worten zu beschädigen. Carlexander hob das Glas und meinte: „Das ist kein Begleitwein. Das ist ein Argument.“
Das Fleisch blieb auch auf dem Teller genau dort, wo es hingehörte: ordentlich geschnitten, dunkel glänzend und ohne jede Panik. Perfekt gegart ist in solchen Momenten nicht bloß eine Beschreibung, sondern eine Haltung. Briemma probierte und sagte leise: „Man merkt, wenn jemand verstanden hat, dass ein guter Hauptgang keine Erklärung braucht.“ Carlexander nickte, und der Tisch wurde für einen Moment ungewöhnlich still.
Der Agrumi-Zwischengang brachte wieder Helligkeit in diese Tiefe. Leicht, frisch und mit einer Eleganz, die fast frech wirkte nach dem schweren, dunklen Gang davor. Solche Übergänge verraten oft mehr über ein Menü als die großen Namen: ob ein Abend nur satt macht oder wirklich geführt wird. Hier wurde geführt. Und zwar mit ruhiger Hand.
Mit dem Moscato d’Asti von La Morandina kam dann jener charmante Nachsatz, auf den das Menü offenbar gewartet hatte. Süß, verspielt, mit genug Perlage, um nicht einfach bloß Dessertwein zu sein, sondern eine kleine, goldene Verabschiedung. Carlexander nannte ihn den Wein, der nicht diskutiert, sondern lächelt. Briemma hob das Glas. „Und das sogar sehr überzeugend.“
Das Euforia di Cioccolato war genau so, wie der Name verspricht: ein Dessert, das nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie mit Schokolade elegant einkassiert. Dazwischen lagen Millefoglie und diese Piccole delizie, die man leicht unterschätzt, bis man merkt, dass das Ende eines Menüs manchmal ein kleiner Test ist, wie ernst man Genuss noch nehmen kann. Die Antwort war an diesem Abend eindeutig: sehr ernst, aber mit Anstand.
Und dann, als hätte das Haus noch nicht genug gesagt, kam auch noch der Dessertwagen. Wir dachten schon, es sei vorbei, doch Anthology hatte offenbar beschlossen, den Abschied nicht einfach passieren zu lassen. Kleine Delizien, nochmals ein paar feine Stücke, ganz nah an der Übertreibung und gerade deshalb so charmant. Briemma schmunzelte. „Das ist kein Dessertgang“, sagte sie, „das ist ein letzter höflicher Angriff.“
Ein besonders stiller Abschluss war das kleine, sorgfältig gesetzte süße Stück, das fast wie eine Miniatur wirkte: schlicht, präzise und mit genau genug Farbe, um nicht unterzugehen. Nach all den Schichten, Gängen und Gläsern hatte dieser reduzierte Teller fast etwas Beruhigendes. Carlexander betrachtete ihn und sagte: „So sieht es aus, wenn ein Abend beschlossen hat, sich elegant zu verabschieden.“
Auch das letzte kleine, feine Stück auf dem Teller blieb dieser Linie treu: wenig Fläche, viel Absicht. Briemma nannte es trocken „ordentlich gefährlich“, weil Dinge, die so klein und so sauber komponiert sind, oft die längste Erinnerung hinterlassen. Carlexander widersprach nicht. Manchmal ist Zurückhaltung eben die deutlichere Form von Luxus.
Später, als der Abend sich schon in dieses weiche Nachglühen zurückgezogen hatte, saßen wir mit einem Schmunzeln und dachten an die Grissini zurück, an die Cocktails auf dem Balkon und an jene seltsame Zufriedenheit, die nur entsteht, wenn ein Menü nicht bloß satt, sondern vollständig macht. Der Blick nach draußen blieb ruhig, das Wasser still, und der Raum hatte seine Arbeit getan.