2026-05-19 – Tag 1: Rundgang durch die Stadt
Reiseepisode
2026-05-19 – Tag 1: Rundgang durch die Stadt
Tag 1 · 2026-05-19
Nach dem Mittagessen führte uns der Weg erst die Las Ramblas hinunter und dann, mit jener mediterranen Selbstverständlichkeit, die schon als Plan gilt, über den Hafen zurück zum Hotel. Barcelona stand in diesem ersten Abschnitt des Tages hoch und blau in der Sonne, als habe die Stadt beschlossen, uns zur Sicherheit gleich mitzurechnen. Wir gingen an schönen historischen Gebäuden vorbei, und Carlexander blieb mehr als einmal stehen, als könne man die Fassade mit ausreichend Skepsis zum Arbeiten überreden.
„Da oben im Erker wäre mein Büro“, meinte er und nickte zu einem der Häuser hinauf, als ginge es um eine schlichte Formalität. Briemma hob den Stock leicht an und sah nur trocken nach oben. „In alten Gebäuden gibt es selten einen Fahrstuhl. Du würdest also schon am ersten Tag an der Verwaltung scheitern.“ Carlexander tat, als hätte ihn das nur in der Würde bestätigt.
Wenig später kamen wir an einem Haus vorbei, das sich mit all seinen Ornamenten nicht bescheiden wollte. Die beeindruckenden Verzierungen wirkten fast, als hätte jemand der Fassade überlegt zugehört und ihr dann doch noch ein paar Kreise und Schnörkel gegönnt. Carlexander legte den Kopf schief. „Hörst du das?“, fragte er. „Das Gebäude spricht.“ Briemma antwortete: „Nein, es posaunt nur.“

















Die nächsten Balkone waren dann so fein gearbeitet, dass man automatisch langsamer wurde, ob aus Bewunderung oder aus Respekt vor zu viel Geschichte blieb offen. An einer besonders seltsamen Figur an der Fassade blieb Carlexander stehen und deutete mit der ganzen Sicherheit eines improvisierten Kulturführers darauf. „Schau mal, Briemma, deine Vorfahren.“ Sie sah ihn an, dann das Drachenornament, dann wieder ihn. „Sehr freundlich von dir, das auf die Verwandtschaft zu schieben.“
Am Columbus-Denkmal wurde die Szene plötzlich pathetischer, jedenfalls für einen Moment. Vor uns ragte die Figur auf, die auf ein sich langsam näherndes Schiff zeigte, und Carlexander ließ sich davon sofort anstecken. Er brüllte wie ein Löwe, was im öffentlichen Raum immer etwas zwischen Würde und Fehlfunktion hat. Die Umstehenden blieben höflich in ihrer eigenen Realität, und das war vermutlich das Vernünftigste, was sie tun konnten.
Dann stand dort auch diese andere Perspektive auf das Ankommen: Columbus, das Schiff, die beiden Kater davor, als würde die Geschichte kurz prüfen, ob sie heute überhaupt Lust auf Wiederholung habe. Carlexander nahm die Pose erstaunlich ernst. „Wenn man schon so tut, als wäre man Entdecker“, murmelte er, „dann wenigstens mit Aussicht.“ Briemma nickte knapp. „Und ohne Seegang auf den Nebensätzen.“
Die Mittagshitze wurde inzwischen so deutlich, dass selbst die Wege zwischen den Fassaden plötzlich länger wirkten, als sie es ehrlich gemeint hatten. An der Uferpromenade war es verdächtig leer, während die Las Ramblas eben noch voller Leben gewesen waren, und unsere kleine Wasserflasche wurde merklich leichter. Carlexander wirkte beleidigt von der Temperatur, als sei sie ein persönlicher Angriff mit sonniger Handschrift.
Am Wasser änderte sich die Tonlage noch einmal. Was wie ein kleines Ausflugsboot mit Spaß ausgesehen hatte, mutierte binnen Sekunden zu einem lauten, heulenden Zollboot, das offenbar irgendetwas zu verfolgen hatte. Carlexander verengte die Augen. „So klingt also Ordnung“, sagte er. Briemma antwortete: „Oder Nervosität mit Motor.“ Das Meer blieb dabei seltsam gelassen, als hätte es mit solchen Dingen längst abgeschlossen.
Bei der Hitze fühlte es sich an, als wären wir stundenlang gelaufen, dabei waren es nur ein paar Blocks bis zum Hafen. Also fiel die Entscheidung, durch die Stadt wieder zurück zum Hotel zu gehen, nicht schwer; sie fiel eher in sich zusammen. Carlexander nickte in Richtung seines eigenen Schattens, als hätte dieser den Vorschlag gemacht. „Ein kluger Plan“, sagte er. „Ich habe stets Sinn für Erschöpfungsmanagement.“
Auf dem Rückweg wurde uns noch einmal klar, wie sehr Barcelona mit seinen Farben und Bauwerken arbeitet, ohne je die Stimme zu heben. Die Wege öffneten sich wieder, und für einen Moment nahm die Stadt die Rolle des Bühnenbilds an, das es eigentlich immer schon gespielt hatte. Das Reden wurde weniger; die Architektur erledigte den Rest. Selbst Carlexander schwieg, was bei ihm fast schon eine Form der Anerkennung ist.
Doch dann kamen die komischen Krabbenstatuen, die zu Witzen geradezu aufforderten, und damit war die Würde wieder nur noch eine vorübergehende Dienstleistung. Carlexander betrachtete das Ganze mit dem Blick eines Katers, der schon zu viele öffentliche Kunstwerke gesehen hat, um noch überrascht zu sein. „Das soll also Bedeutung haben“, sagte er. Briemma zuckte mit den Schultern. „Oder Ferienlaune in Metall.“
Bei den weiteren Skulpturen wurde es nicht weniger rätselhaft. Manches wirkte so absichtlich, dass man den Sinn eher ergoogeln musste, als ihn vor Ort zu erkennen. In einem solchen Moment ist die Stadt sehr modern und sehr alt zugleich: Sie erklärt nichts und bleibt dennoch überzeugend. Carlexander blieb davor stehen und tat, als prüfe er still die Qualität des Unverständlichen.
Auch die alten Festungs- oder Klosteranlagen nahmen sich nebenbei ihren Platz. Monumental waren sie, furchteinflößend sogar, aber der Zahn der Zeit hatte freundlich daran gearbeitet, ohne den Ernst der Mauern ganz zu beseitigen. Briemma sah hinauf und sagte: „Man merkt, dass hier schon länger niemand mehr so tut, als wäre alles neu.“ Carlexander brummte zustimmend. „Sehr wohltuend.“
Solange wir in den Schluchten der Altstadt im Schatten blieben, ging es ganz gut, auch wenn die kleinen Sonnenstücke immer wieder wie gezielte Zumutungen auf den Boden fielen. „Sonnenbrand inklusive“, frotzelte Briemma, „weil der Hut im Koffer vergessen wurde.“ Carlexander hob den Blick nicht einmal. „Ein tragischer Verwaltungsfehler“, sagte er, und man hörte ihm an, dass er die Akte bereits innerlich geschlossen hatte.
Auf dem Rückweg ins Hotel kamen wir noch an einigen schönen Bauwerken vorbei, die jeden neumodischen Architekten alt aussehen ließen. Vor einem dieser Häuser hätte Carlexander am liebsten sofort wieder ein Erkerbüro beantragt, diesmal mit Aussicht, Lagebonus und vermutlich einer kleinen Klingel für Resignation. „Hier könnte man bleiben“, sagte er. Briemma antwortete: „Du meinst wohnen. Arbeiten würdest du später.“
Das Wortspiel über den Namen des Hotel Colon brachte beide dann tatsächlich zum Schmunzeln, was nach all den Fassaden fast schon eine kleine kulturelle Leistung war. Carlexander schüttelte den Kopf, als hätte ihn der Witz gerade noch rechtzeitig erwischt. „Ein Hotel mit historischer Ansprache“, murmelte er. Briemma lächelte schmal. „Zum Glück nur sprachlich kolonial.“
Später, als die Renovierungen sichtbar wurden und alles im Kern abgerissen und innen neu gebaut wirkte, blieb Carlexander erneut stehen. „Ob die da einen Fahrstuhl einbauen würden und ich mein Büro da im Erker bekomme?“, sinnierte er, als könnte ein Gebäude auf gute Fragen irgendwann einlenken. Der Blick auf das Gerüst und die schmale Eingriffsstelle zwischen alt und neu hatte etwas Ernüchterndes und zugleich Tröstliches. Städte erneuern sich eben nicht elegant, sondern in Schichten.
Am späten Nachmittag wurde der Spaziergang noch einmal auf eine sehr irdische Weise zu Ende gebracht: über einen Super-Mercado und sehr billige Cola-Flaschen ging es zurück ins Hotel NH Calderon. Unterdessen hatte ein Junge eine große Menge Tauben gefüttert, und die Vögel sahen ihn offenbar als ihren Vater an, bis von ihm nach einer Weile kaum mehr etwas zu sehen war. Carlexander blieb stehen und beobachtete das Schauspiel mit der ernsten Miene eines Katers, der ahnt, dass die Stadt am Ende immer irgendein eigenes Programm hat. „Dagegen wirkt selbst ein Erker fast vernünftig“, sagte er. Briemma hob den Stock, sah auf die Tauben und meinte: „Dann lass uns lieber ins Hotel gehen, bevor uns jemand auch noch adoptiert.“