Carlexander Backt Pflaumenkuchen

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Eventbericht

Carlexander Backt Pflaumenkuchen

  

Zwetschgenkuchen oder die kontrollierte Eskalation einer Küche

Es begann mit anderthalb Kilo Pflaumen und der grundsätzlich vernünftigen Idee, daraus einen Kuchen zu machen. Eine jener Tätigkeiten, die in Rezepten gern mit Zeitangaben wie „20 Minuten Vorbereitung“ versehen werden und dabei unterschlagen, dass offenbar eine zweite Person unsichtbar hinter einem steht und benutzte Schüsseln, Messer, Bretter und klebrige Arbeitsflächen unmittelbar nach ihrer Entstehung aus der Realität entfernt.

In unserer Küche heißt diese zweite Person Briemma.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, dass es ein Hefekuchen werden sollte. Saftig. Mit ordentlich Pflaumen. Vielleicht Marzipan. Auf jeden Fall Hagelzucker. Also ein Backvorhaben mit klarer strategischer Ausrichtung und noch geringfügig ungeklärter operativer Umsetzung.

„Du hast Teig am Schrank.“

Briemma stand hinter mir, einen Lappen in der Hand und diesen besonderen Gesichtsausdruck im Gesicht, mit dem sie normalerweise Situationen quittiert, die sie bereits verstanden hat, während ich noch an ihrer theoretischen Einordnung arbeite.

„Das ist unvermeidbarer Prozessverlust.“

„Das ist Hefeteig.“

Auf dem iPad am Rand der Arbeitsplatte wartete Sokrates. Ich hatte ihn bereits mit den wesentlichen Fragen der modernen Backkunst beschäftigt: Ei-Ersatz? Bei welcher Temperatur soll der Teig gehen? Marzipan? Hagelzucker unter die Pflaumen oder drauf? Und irgendwann sogar mit der Frage, ob die Pflaumen besser in Fischgrät oder Rosette auf den Kuchen gehören.

Sokrates nahm das alles mit jener digitalen Ruhe hin, die besonders leicht fällt, wenn man selbst weder einen Teig kneten noch anderthalb Kilo Pflaumen entsteinen muss.

Während die Küchenmaschine den Hefeteig bearbeitete, begann ich mit den Zwetschgen.

Zumindest war das der Plan.

Ich nahm eine Zwetschge, ein Messer und begann mit jener vorsichtigen Entschlossenheit zu schneiden, die normalerweise Menschen entwickeln, wenn sie zum ersten Mal einen Sprengsatz entschärfen. Nach einigen Versuchen lagen vor mir mehrere unterschiedlich große Fruchtteile, ein Kern und wenig, das darauf schließen ließ, dass hier später einmal ein ordentlich belegter Kuchen entstehen sollte.

Briemma sah mir eine Weile zu.

Dann seufzte sie.

Es war kein dramatisches Seufzen. Eher das sachliche Geräusch eines Menschen, der soeben akzeptiert hat, dass Delegation in diesem Fall keine Zeitersparnis bringt.

„Gib her.“

Sie nahm Messer und Zwetschgen und übernahm.

Ich wechselte daraufhin in eine stärker strategisch ausgerichtete Funktion.

Was zunächst nach einer überschaubaren Menge Obst ausgesehen hatte, entwickelte sich nach dem Entsteinen zu zwei bemerkenswert gut gefüllten Schüsseln. Die Arbeitsplatte wurde kleiner. Die Zahl benutzter Gegenstände größer.

Briemma schnitt.

Ich organisierte.

Briemma wischte.

Ich suchte das Marzipan.

Und tatsächlich fand ich es.

Das Marzipan hatte allerdings bereits eine längere persönliche Geschichte hinter sich. Die Verpackung verriet ein Mindesthaltbarkeitsdatum, das ausreichend weit in der Vergangenheit lag, um die Frage nach seiner Verwendung nicht mehr ausschließlich kulinarisch erscheinen zu lassen.

Also konsultierte ich Sokrates.

Auf dem iPad erschien nach kurzer Prüfung seine Empfehlung: lieber nicht mehr verwenden.

Das war knapp, analytisch und bedauerlicherweise vernünftig.

Ich betrachtete das Marzipan noch einen Moment.

Briemma betrachtete mich.

„Nein.“

Damit war die zweite fachliche Einschätzung abgeschlossen.

Das Marzipan verließ das Projekt.

*Ich organisierte. Briemma wischte. Ich suchte das Marzipan

„Wo ist die Schüssel?“

„Welche?“

Das war eine berechtigte Gegenfrage. Inzwischen gab es mehrere.

Der Hefeteig kam aufs Blech und wurde ausgezogen. Ohne Marzipan. Dann begann der eigentlich meditative Teil des Projekts: Zwetschgen setzen. Reihe für Reihe, dicht an dicht, leicht überlappend.

Nach ungefähr einem Drittel des Blechs stellte sich heraus, dass anderthalb Kilo Zwetschgen nicht „viel Obst“ sind. Anderthalb Kilo Zwetschgen sind eine Bauaufgabe.

Ich setzte weiter.

Briemma betrachtete das entstehende Raster.

„Du weißt schon, dass das ein Kuchen wird und kein Fliesenleger-Meisterstück?“

„Es braucht Struktur.“

Sie seufzte und entfernte wortlos drei Zwetschgenkerne, einen Klecks Teig und etwas Mehl aus Bereichen der Küche, in denen diese Dinge nach meinem Verständnis eigentlich gar nicht gewesen waren.

Schließlich war das Blech vollständig belegt. Die Zwetschgen standen dicht nebeneinander, der Hagelzucker lag darüber und aus dem ambitionierten Hefeteig war eine ziemlich überzeugende Obstlandschaft geworden.

Für eine letzte Lagebesprechung aktivierte ich Sokrates.

„Mittlere oder untere Schiene?“

Auf dem iPad erschien seine knappe Empfehlung.

Dann verschwand das Blech im Ofen.

Zum ersten Mal seit Beginn des Projekts wurde es ruhig.

Briemma sah sich um.

Ich sah mich ebenfalls um.

Offenbar hatte während der Herstellung eines einzelnen Kuchens jemand heimlich eine zweite Mahlzeit zubereitet, drei Kindergeburtstage veranstaltet und anschließend versucht, sämtliche Beweise auf unserer Arbeitsplatte zu verteilen.

„Das räume ich gleich auf.“

Briemma hielt den Lappen hoch.

„Natürlich.“

Als der Kuchen wieder aus dem Ofen kam, waren aus den matten Zwetschgen glänzende, dunkelrote Früchte geworden. Der Saft war in den Hefeteig gezogen, die Ränder waren gebräunt und zwischen den Früchten lagen die hellen Stückchen des Hagelzuckers.

*Als der Kuchen wieder aus dem Ofen kam, waren aus den matten Zwetschgen glänzende, dunkelrote Früchte geworden

Spätestens beim Anschneiden erledigte sich dann auch die Frage, ob der Aufwand angemessen gewesen war.

Der Boden war kräftig und weich, darüber kamen sehr viele saftige, leicht säuerliche Zwetschgen. So viele, dass man sich die übliche Diskussion darüber sparen konnte, ob auf einem Zwetschgenkuchen eigentlich genug Obst liegt.

Ich nahm noch einen Bissen.

Briemma ebenfalls.

Auf dem iPad war Sokrates inzwischen wieder still.

„Gut“, sagte Briemma.

Ich nickte.

Eine angemessen nüchterne Bewertung für ein Projekt, das anderthalb Kilo Zwetschgen, eine Küchenmaschine, mehrere Schüsseln, einen verworfenen Block Marzipan, einen digitalen Rezeptberater und eine erhebliche Menge häuslicher Schadensbegrenzung benötigt hatte.

Die Küche war inzwischen wieder sauber.

Natürlich nicht durch mich.

*Ich nahm noch einen Bissen

Carlexanders Arbeitsprotokoll: Zwetschgenkuchen

Materialien:
– 1,5 kg Zwetschgen
– Hefeteig für ein Backblech
– Hagelzucker
– Backpapier
– Küchenmaschine
– Messer und Schneidebrett
– mehrere Schüsseln, offenbar mehr als geplant
– Backblech
– iPad mit Sokrates
– Lappen mit Briemma

Marzipan war ursprünglich vorgesehen, wurde aber wegen des deutlich überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums nach Rücksprache mit Sokrates verworfen.

*Carlexanders Arbeitsprotokoll: Zwetschgenkuchen Materialien: 1,5 kg Zwetschgen Hefeteig für ein Backblech Hagelzucker Backpapier Küchenmaschine Messer

Arbeitsschritte:

1) Hefeteig vorbereiten und von der Küchenmaschine kneten lassen.
2) Teig gehen lassen.
3) Zwetschgen waschen, halbieren und entsteinen.
4) Nach ersten unbeholfenen Schneideversuchen akzeptieren, dass Briemma diesen Arbeitsschritt übernimmt.
5) Altes Marzipan finden, Sokrates konsultieren und anschließend nicht verwenden.
6) Hefeteig auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech verteilen.
7) Zwetschgen dicht, leicht überlappend und möglichst ordentlich auf den Teig setzen. Das ist Kuchenbelegen, auch wenn Briemma gewisse Ähnlichkeiten mit Fliesenarbeiten erkennt.
8) Hagelzucker über die belegten Zwetschgen streuen.
9) Kuchen backen, bis der Hefeteig gebräunt und die Zwetschgen weich und saftig sind.
10) Anschneiden und feststellen, dass anderthalb Kilo Zwetschgen eine durchaus angemessene Menge Obst darstellen.
11) Küche aufräumen.

Punkt 11 wurde erfolgreich an Briemma delegiert.

*Arbeitsschritte: Hefeteig vorbereiten und von der Küchenmaschine kneten lassen

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