Reiseepisode
2025-04-16 – Tag 9: Mittag in Palma de Mallorca
Tag 9 · 2025-04-16 · Palma de Mallorca
Palma begann für Carlexander und Briemma mit jener Ansicht, die keinen weiteren Zuständigkeitsnachweis braucht: La Seu erhob sich hinter Steinmauer und Wassergraben, davor Promenaden, junge Bäume und Menschen, die gingen, saßen oder den Vormittag ohne erkennbare Eile verwalteten. Mit jedem Schritt wechselte die Kathedrale ihre Kontur; einmal dominierten Turm und gotisches Dach, dann der angrenzende Palast mit Arkaden und Zinnen. Auf der gepflasterten Promenade stand ein Tourist im weißen T-Shirt mit der Aufschrift „THE END“. „Das wäre früh“, sagte Briemma. Carlexander hielt es vorsichtshalber nur für eine textile Meinungsäußerung.
Hinter der großen Kulisse wurde Palma kleinteiliger. Ein klassisches Gebäude mit Säulen und Bögen bekam durch die Palme im Vordergrund beinahe Konkurrenz, während wenige Straßen weiter eine goldfarbene Bitcoin-Münze zwischen Anhänger und blau besetztem Ring in einer Schmuckauslage lag. Carlexander betrachtete die Kombination aus Kryptowährung und Schutzkapsel mit professioneller Skepsis. Gelbe Fassaden, Balkone und Fensterläden führten weiter durch die Altstadt; selbst ein Schild des Hard Rock Cafe Mallorca fügte sich dort ein, als hätte es einen historischen Antrag gestellt. Im Gewürzschaufenster hingen rote Chilis und Knoblauch über sauber gereihten Dosen.
Ein schwarz-weißes Wandgemälde zeigte einen Mann, umringt von drei Kindern, unmittelbar neben einem Straßenpfeiler voller Aufkleber. Kurz darauf lag die Basilika de Sant Miquel im Strom der Altstadtstraße, an der Menschen vorbeigingen, stehen blieben und miteinander sprachen. Palma hielt sakrale Steinarchitektur und Straßenbilder ohne Übergangsmoderation nebeneinander: Auf einem geschlossenen Metalltor erschien Tupac Shakur mit Tränenspur unter dem großen Schriftzug „TUPAC“. Wenig später versammelten sich Passanten mit Kameras um eine rostige Motorradstatue samt Figur. „Ein konsequenter Rundgang“, sagte Briemma. „Nur das Thema wechselt alle dreißig Meter.“
Zwischendurch öffnete sich die Stadt wieder zum Hafen. Über dem Meer lag Palma als breite Häuserfläche, aus der La Seu deutlich herausragte; ein alter Steinturm stand zwischen Palmen und modernen Gebäuden unter inzwischen bewölktem Himmel. Im Hafen lagen ein großes Kreuzfahrtschiff und ein kleineres Schiff ruhig am Anleger. Danach führte der Weg erneut an schweren Steinbauten vorbei, begleitet von Besuchern und erhobenen Mobiltelefonen. Die reich verzierte Kathedralfassade mit Rosettenfenster, Skulpturen, Säulen und Portal verlangte einen längeren Blick, bevor eine enge Gasse aus Sandsteinfassaden, Balkonen und Fensterläden das Blickfeld wieder auf Fußgängermaß reduzierte.
Vor einem gotischen Gebäude wehten drei Flaggen zwischen Säulen und Zinnen; am sonnigen Rathaus gingen Menschen vorbei oder saßen auf den Stufen. Gleich danach zeigte ein Haus im Stil des Modernisme farbige Mosaiken und kunstvolle Balkone, mit einem historischen Lampenpfosten davor. Palma wirkte hier nicht wie eine ordentlich sortierte Epoche, sondern wie ein gut belegtes Archiv, in dem jede Straße eine andere Mappe öffnete. Am Ende dieses Abschnitts hingen erneut getrocknete Chilis an Holzleisten, diesmal mit kleinen Papieretiketten. Carlexander sah darin ein verlässliches Leitsystem. Briemma sah darin Gewürze. Beides brachte sie zur Markthalle.






















Vor dem Markt lag noch ein Kircheninneres auf dem Weg: gewölbte Decke, Fresken, Holzaltäre und ein prächtiger Altar, flankiert von Christusfiguren und betrachtet von Besuchern. Danach änderte sich die Form der Andacht merklich. Geräucherte Schinkenhälften hingen an Metallbügeln über einem Schild mit der Aufschrift „Ecologico“, während eine lange Theke Sushi-Rollen, Nigiri und weitere japanische Speisen zeigte; zwei Personen arbeiteten dahinter an der Zubereitung. Gleich daneben lagen Garnelen, Krabben und Tintenfische auf Eis, versehen mit roten Preisschildern. Palma hatte den Übergang vom Altar zur Auslage erstaunlich nüchtern organisiert.
Die Fleischstände folgten mit verschiedenen Zuschnitten, Schildern und Kundschaft, die entweder kaufte oder prüfend betrachtete. Geräucherte Würste hingen an Haken über einer gefüllten Vitrine, während an einem anderen Stand Käse im Vordergrund und ein großes Stück Schinken auf einem Holzbrett lagen. Carlexander versuchte kurz, das Angebot nach Produktgruppen zu erfassen. „Du musst hier nichts inventarisieren“, sagte Briemma. Also gingen sie weiter zu mallorquinischen Oliven, die offen am Stand angeboten wurden, und zu einem Olivenladen, in dessen Schaufenster verschiedene Sorten und Snacks lagen, während eine Mitarbeiterin hinter der Theke stand.
Im Fischbereich wurde die Markthalle lauter und unmittelbarer. Große Tintenfische, Muscheln und Krabben lagen auf Eis; Kunden und Verkäufer sprachen über die Auslagen hinweg, andere Besucher zogen mit Einkaufskörben durch die Gänge. Dazwischen stand eine Bäckereivitrine voller Torten, Brötchen, Kekse und weiterem Gebäck, jedes Stück mit sichtbarem Preis versehen. Dann wieder Fisch: ein Thunfischkopf im Eisbehälter, dahinter weitere Fischteile und Kräuter, anschließend zwei große Fische auf einem Eisblock, die Mäuler geöffnet. Briemma betrachtete sie kurz. „Die wirken ähnlich überrascht wie du.“ Carlexander widersprach nicht.
Das Austernmenü brachte wieder Ordnung in die Sache. Fine de Claire, Speciale de Claire und Galician standen mit Preisen auf dem Blatt, ergänzt durch Varianten mit Flamme, Shiso-Mango-Vinaigrette sowie Maracuja, grünem Anis und rosa Pfeffer. Auf dem roten Tisch lagen die geöffneten Austern mit Zitronenscheiben; daneben standen ein Glas Wein und eine Flasche Sauce. Ein weiterer Blick zeigte den Teller noch einmal aus der Nähe, bevor ein Kühlschrank mit frischen Austern und Champagnerflaschen unter dem Schriftzug „HUITRES AIME“ die Produktkette vollständig machte. Carlexander nannte das Informationsbeschaffung. Briemma nannte es Mittagessen.
Der Rückblick auf das Frühstück wirkte dagegen beinahe diszipliniert: Croissant mit Butter, dazu Erdbeeren, Ananas, Kiwi, Drachenfrucht und Rambutan. „So lob ich mir das Frühstück“, sagte Carlexander mit der müden Würde eines Katers, der wenige Stunden später vor Austernkarten stand. Weil am Wechseltag der Passagiere die Decks sehr voll waren, hatten Carlexander und Briemma den ruhigeren Platz auf dem Balkon gewählt. Die moderne Sonnenliege auf der Holzterrasse und der kleine Beistelltisch lieferten dafür alles Nötige. Briemma stellte ihren Gehstock neben sich ab. Manchmal bestand gute Reiseplanung vor allem darin, nicht dort zu sein, wo gerade alle waren.




















Die Markthalle verabschiedete sie nicht leise. Eine Person im schwarzen Koch-Outfit hielt eine Flamme an ein Gericht auf einem orangefarbenen Tablett, beobachtet von einer weiteren Person und mehreren Besuchern zwischen den Warenregalen. Danach führte der Weg wieder hinaus auf gepflasterte Straßen, über denen hohe Bäume Schatten warfen. Menschen gingen am Rand entlang oder blieben stehen, während traditionelle Gebäude den Hintergrund bildeten. Ein historisches Haus mit Steinfront, mehreren Balkonen und Holzläden stellte die gewohnte Ruhe wieder her. Carlexander fand das angemessen. Briemma meinte, er bevorzuge Fassaden grundsätzlich, solange sie nichts flambierten.
Auf dem Blumenmarkt lagen die Farben dichter beieinander als zuvor in den Straßen. Verpackte Sträuße standen in Papier und transparenter Folie, darunter rote Rosen, Lilien und Sonnenblumen; dahinter reihten sich weitere Pflanzen und Dekorationen. Auf dem gepflasterten Platz warteten Hortensien in Rosa, Blau und Lila ordentlich in Pappkartons. Es war kein stilles Arrangement, sondern sichtbar Verkaufsware in einer belebten Stadt. Carlexander betrachtete die präzise Anordnung mit Anerkennung. Briemma verzichtete auf einen Kommentar zu seinem Kontrollreflex. Die Blumen waren bereits ausreichend sortiert und benötigten keine zusätzliche Tabelle.
Wenige Schritte später wurde die Altstadt wieder schmal. Eine dichte grüne Rankpflanze bedeckte eine alte Mauer; davor stand ein hölzerner Pflanzkasten mit Steinen und kleinen Pflanzen in der gepflasterten Gasse. Ein eleganter Innenhof setzte diese ruhige Folge fort: kleiner Steinboden, Pflanzen in Töpfen und Körben, eine Holzbalkendecke und ein Treppenhaus im Hintergrund. Hier war keine sichtbare Handlung nötig. Die Architektur übernahm den Abschnitt selbst. Briemma ging mit ihrem eleganten Gehstock in gleichmäßigem Tempo weiter, während Carlexander den seltenen Zustand akzeptierte, dass ein Ort auch ohne seine Einordnung verständlich blieb.
Dann kamen die Brunnen. Zuerst stand einer mitten im Stadtbild, umgeben von Menschen, historischen Gebäuden, Balkonen und Palmen. Danach folgte ein rechteckiges Becken mit Fontänen in einer gepflegten Parkanlage zwischen Büschen, Bäumen und Blumenbeeten. Ein weiterer Blick verband sprudelndes Wasser und Bäume wieder mit der gotischen Kathedrale im Hintergrund. Neben einem Brunnen wartete außerdem eine Pferdekutsche mit Fahrer; auf einem gepflasterten Platz stand schließlich ein großes Panda-Maskottchen vor Steinmauer und Bäumen, während eine Person am Rand saß. Palma hatte damit auch den Bereich unerwarteter Reisebeobachtungen vollständig abgedeckt.
Zum Schluss öffnete sich der Blick noch einmal weit. Vor blauem Himmel und hellen Wolken stand die gotische Kathedrale über dem türkisfarbenen Meer, dahinter zeichneten sich Berge ab. Die letzte Küstenansicht nahm Hafen, ruhiges Wasser, Stadt und ein historisch wirkendes Gebäude zusammen, ohne das mögliche Bauwerk näher festzulegen. Carlexander sah zurück auf einen Mittag aus Steinportalen, Marktständen, Austern, Blumen, Brunnen und einem Panda, der keine weitere Erklärung angeboten hatte. „Hast du alles erfasst?“, fragte Briemma. „Nein“, sagte Carlexander. Für Palma war das vermutlich die realistischste Form eines Abschlusses.














