Tag 2 Nachmittag: Kreuzfahrt mit Leistungsdruck

Tag 2: Kreuzfahrt mit Leistungsdruck

Album der Explora Reise. https://www.facebook.com/share/18wocv9VCD/?

Je weiter sie gingen, desto surrealer wurde die Stille. Nicht leer im unangenehmen Sinn, sondern wie ein Theater kurz vor der Premiere. Überall perfekt gedeckte Tische, polierte Gläser, gedämpftes Licht und diese fast absurde Ruhe eines Ortes, der eigentlich für Tausende Menschen gebaut wurde, sich aber anfühlte wie ein privater Club.

Im französischen Restaurant standen die weißen Tischdecken millimetergenau ausgerichtet, als hätte jemand mit Wasserwaage eingedeckt. Niemand sprach laut. Irgendwo klimperte Besteck. Sonst nur leise Musik und das dumpfe Vibrieren des Schiffes unter dem Boden.

„Das hier ist kein Kreuzfahrtschiff mehr“, murmelte Carlexander.

„Was dann?“

„Eine schwimmende Midlife-Crisis für obere Führungsebenen.“

Sie gingen weiter vorbei an Weinregalen, die aussahen wie Kunstinstallationen für Menschen mit Bonuszahlungen. Flaschen aus Regionen, deren Namen normalerweise nur Sommeliers oder Erben kennen.

Dann wieder ein fast leerer Gang. Marmorboden. Sanftes Licht. Keine Kinder mit Eis. Keine Lautsprecherdurchsagen. Keine Animation mit Hüfttanzkursen.

Nur Teppiche, Glas, Holz und das Gefühl, dass hier alles absichtlich langsamer passiert.

Selbst die Restaurants wirkten nicht wie Restaurants, sondern wie Kulissen für Gespräche über Dinge, die niemand dringend beantworten musste. Menschen saßen vereinzelt da, tranken Wein, blickten aufs Meer oder einfach schweigend in den Raum, als hätten sie kollektiv beschlossen, für ein paar Tage keine Produktivität mehr zu simulieren.

Im Steakhouse standen dunkle Holzregale voller Weinflaschen wie kleine Kapitalanlagen mit Korken. Zwei Kellner unterhielten sich leise am Eingang.

„Weißt du“, sagte Briemma irgendwann, „eigentlich verrückt, wie wenig Lärm Luxus macht.“

Carlexander nickte langsam.

„Echter Luxus ist wahrscheinlich nicht Besitz.“

„Sondern?“

„Dass dich für ein paar Stunden niemand optimieren will.“

Sie liefen weiter in das japanische Restaurant mit den künstlichen Kirschblüten an der Decke. Rosa Blätter über dunklem Holz, warmes Licht, leere Tische. Es sah aus wie die Erinnerung eines Architekten an Tokio nach zwei Gläsern teurem Whisky.

Und genau dort, zwischen Sushi-Bar und Designerlampen, fiel zum ersten Mal auf, wie aggressiv die normale Welt eigentlich geworden war.

Draußen kämpften Menschen gleichzeitig um Sichtbarkeit, Karriere, Marktwert, Immobilien, Networking und Schrittzahlen. Hier dagegen diskutierte gerade wahrscheinlich irgendwo jemand sehr ernsthaft darüber, welcher Chardonnay besser zu Jakobsmuscheln passe.

Carlexander blieb kurz stehen und sah durch die Panoramafenster auf den Hafen.

„Komisch.“

„Was?“

„Das ganze Internet tut immer so, als wäre Erfolg maximaler Stress.“

Er blickte durch die fast leeren Lounges.

„Dabei sieht echter Erfolg eher danach aus, Zeit zu haben.“

Vorbei an den kleinen Aufstellern mit „A Journey of Exquisite Experiences“, auf denen Gin-, Whisky- und Champagnertastings angekündigt wurden, als wären es kulturelle Abendveranstaltungen statt einfach nur Verkostungen. „Legendary Super Tuscany“, „Ultimate Caviar Pairing“, „The Judgment of Paris“. Selbst die Namen klangen nach großen Gesten. Daneben saßen Stoffbären mit kleinen MSC-Foundation-Pullovern geschniegelt auf einem Tisch, zusammen mit einem Wal und einem Delfin aus Plüsch. Alles wirkte erstaunlich ruhig und fast ein wenig surreal inmitten der eleganten Boutiquen und glänzenden Marmorböden.

Ein paar Decks weiter stand Abdi hinter der Crema Bar und begrüßte jeden Gast mit dieser seltenen Mischung aus Professionalität und echter Herzlichkeit. Während ringsum Designerlampen leuchteten und Menschen mit perfekt gebügelten Leinenhemden vorbeizogen, machte er einfach hervorragenden Kaffee und schaffte es, dass sich Gäste sofort willkommen fühlten. Manche kamen offensichtlich nicht nur wegen des Cappuccinos wieder, sondern weil er einer der wenigen Orte auf dem Schiff war, der sich sofort vertraut anfühlte.

Daneben warteten kleine Arrangements für Tastings: Ginflaschen mit Orangenzesten und Rosmarin, Cognac neben Zigarren, Vodka und Kaviar wie kleine Ausstellungen hinter Glas. Alles war sorgfältig vorbereitet, fast wie in einer Hotellobby, die gleichzeitig Bar, Galerie und Showroom sein wollte. Selbst der Fleischreifeschrank im Steakrestaurant sah aus wie eine luxuriöse Installation. Riesige Dry-Aged-Stücke lagen hinter Glas, perfekt beleuchtet, während in der offenen Küche Köche konzentriert Zwiebeln schnitten und Schweinebauch vorbereiteten.

Durch die Gänge zu laufen hatte etwas Merkwürdiges. Viele Restaurants waren noch leer, die Tische vollständig eingedeckt, die Gläser exakt ausgerichtet. Überall leise Musik, gedämpfte Stimmen, Lichtspiegelungen auf schwarzem Steinboden. Man ging einfach weiter, von Lounge zu Lounge, vorbei an Sesseln mit Blick aufs Meer, an Bars ohne Gäste, an Räumen, die eher wie moderne Hotelsuiten wirkten als wie Teile eines Schiffes.

Und genau das machte die Stimmung angenehm. Keine Hektik, kein Gedränge, kein permanentes Unterhaltungsprogramm im Hintergrund. Stattdessen dieses ruhige Dahingleiten durch elegante Räume, in denen alles weich beleuchtet war und selbst nachts noch wirkte, als würde das Schiff gerade erst auf seinen Abend warten  

Mittags wurde das „Emporium Marketplace“ langsam voller, aber selbst dann wirkte alles erstaunlich entspannt. Hinter langen Glasfronten standen Köche in weißen Jacken und bereiteten Burger, Pasta, Sushi und warme Gerichte direkt vor den Gästen zu. Über den Stationen hingen schwarze Wärmelampen wie in modernen Foodhallen an Land, nur dass hinter den Fenstern statt Straßenschluchten plötzlich das Meer vorbeizog.

Die Auswahl war fast absurd breit. Daneben brutzelten Burger mit Bacon und geschmolzenem Käse, ein paar Schritte weiter dampften Kupfertöpfe unter rotem Licht, daneben lag frische Pasta in verschiedenen Formen ordentlich ausgebreitet wie kleine Designobjekte. Eine große Paella mit Zitronenscheiben, Garnelen und Oliven stand unter der Wärmebrücke und sah so aus, als hätte jemand beschlossen, mediterrane Urlaubserinnerungen direkt in eine Pfanne zu gießen.

Am Sushi-Counter arbeitete ein Koch konzentriert Reihe für Reihe Nigiri und Maki ab, während Gäste mit kleinen schwarzen Tellern weiterzogen wie auf einem ruhigen Markt. Irgendwo fiel dann der Satz: „Dahoam is wo as Sushi is.“ Und ehrlich gesagt passte das erstaunlich gut zu diesem Ort. Zwischen frischer Pasta, asiatischen Suppen, kleinen Antipasti, Brotregalen und Desserttheken entstand dieses seltsame Gefühl, dass das Restaurant weniger Kantine war und mehr eine freundlich überdrehte Version einer internationalen Markthalle.

Trotz der Größe wirkte nichts hektisch. Die Mitarbeitenden lachten zwischendurch miteinander, manche Köche grüßten Gäste beim Vorbeigehen, und an fast jeder Station wurde etwas frisch angerichtet statt einfach nur ausgegeben. Man holte sich ein paar Stücke Lachs-Sashimi, setzte sich ans Fenster und sah dabei auf das Meer hinaus, während hinter einem irgendwo Ravioli gekocht und Burger gewendet wurden. Genau diese Mischung machte das Emporium angenehm: viel Auswahl, aber ohne dieses laute Buffetgefühl, bei dem alle nur möglichst schnell möglichst viel auf Teller stapeln.

Und genau dort lag vermutlich der größte Unterschied zu manchen anderen Buffetrestaurants auf See. Niemand stand hier mit leicht panischem Blick zehn Minuten vor Öffnung vor einem Absperrband, als würde gleich ein Schlussverkauf für Garnelen beginnen. Keine kreisenden Tablettjäger auf der Suche nach dem letzten freien Platz, keine Kinderkarawanen zwischen Nudeltöpfen und Dessertstationen. Wer schon einmal im Harbour Market der Mein Schiff Relax oder zu Stoßzeiten im AIDA-Buffet unterwegs war, kennt dieses leicht sportliche Grundgefühl zwischen „kulinarische Vielfalt“ und „Hunger Games mit Serviette“.

Im Emporium wirkte alles dagegen fast erstaunlich gelassen. Trotz voller Auslage blieb Platz zwischen den Stationen, die Wege waren breit, und selbst am Sushi-Counter bildete sich eher eine ruhige Schlange als eine taktische Blockbildung mit Tellerstapel. Vielleicht lag es am Schiffskonzept, vielleicht an der Aufteilung, vielleicht einfach daran, dass hier niemand das Gefühl hatte, sich sofort drei Burger und zwei Schüsseln Pasta sichern zu müssen, bevor der große Mangel ausbricht.

So lief man mit seinem kleinen Sushi-Teller zurück zum Fensterplatz, sah aufs Meer hinaus und dachte sich: Dahoam is wo as Sushi is. Und offenbar auch dort, wo man beim Buffet keinen Ellenbogen einsetzen muss.

Gut gestärkt ging die Schiffsbesichtigung weiter. Vorbei an Abdi in der Crema Bar, der mit stoischer Ruhe Milchschaum aufzog, während Briemma bereits wieder irgendein Getränk entdeckt hatte, das aussah wie ein Dessert mit Strohhalm.

„Du brauchst jetzt nicht schon wieder was Süßes.“

„Das ist Wellness.“

„Das ist flüssiger Vanillepudding.“

Briemma ignorierte den Kommentar professionell und nahm einen Schluck, während draußen langsam die Abendstimmung über den Hafen zog und drinnen alles nach Designerbeleuchtung und diskretem Luxus roch.

Danach führte der Weg weiter Richtung Spa- und Fitnessbereich. Dort änderte sich die Atmosphäre schlagartig. Plötzlich wurde alles leiser. Holz, Naturstein, indirektes Licht, Ruheräume mit Liegen, die aussahen, als hätte jemand eine skandinavische Designmesse mit einer Therme kombiniert. Selbst die Sauna wirkte nicht wie eine Sauna, sondern wie ein Raum, in dem Vorstände schwierige Entscheidungen meditativ aussitzen.

Das Fitnessstudio beeindruckte dann allerdings tatsächlich. Große Fensterfronten mit Meerblick, moderne Geräte, freie Gewichte, Laufbänder direkt Richtung Hafen. Während Briemma interessiert durch die Räume schlenderte, stand plötzlich ein hochmotivierter Personal Trainer neben Carlexander, geschniegelt wie ein wandelndes Fitness-Abo.

„First day on board? Maybe little workout?“

Carlexander lächelte höflich.

„Unfortunately upcoming surgery.“

Der Trainer nickte sofort mit ernster Professionalität, die vermutlich auf Kreuzfahrtschiffen zur Grundausbildung gehörte.

„Ah. Recovery first. Vacation mode.“

„Exactly. Strategic inactivity.“

Briemma grinste bereits.

„Das ist die eleganteste Umschreibung für Faulheit, die ich heute gehört habe.“

„Das nennt sich präventive Regeneration.“

„Das nennt sich Sitzen.“

Carlexander betrachtete währenddessen die Laufbänder mit derselben Distanz, mit der Organisationsentwickler neue Konzerninitiativen betrachten: interessant anzusehen, vermutlich sinnvoll, aber aktuell nicht die eigene Baustelle.

Also ging man lieber weiter Richtung Spa-Bereich. Dort plätscherte Wasser leise vor sich hin, irgendwo summte Entspannungsmusik, und in den Ruheräumen lagen Menschen vollkommen regungslos auf Designerliegen, als hätten sie beschlossen, für die nächsten zwei Stunden Teil des Interieurs zu werden.

„Schon absurd eigentlich“, murmelte Briemma mit Blick auf die Salzsteinwand.

„Was genau?“

„Draußen Hafenbaustelle, Container und Bagger. Drinnen Wellnessmusik und Detoxwasser.“

Carlexander nickte langsam.

„Wie moderne Unternehmen. Außen operative Eskalation. Innen Achtsamkeitsworkshop.“

Briemma lachte.

„Fehlt nur noch ein Schild mit: Transformation beginnt bei dir.“

„Und ein Workshopraum namens Aurora.“

Die Sonne hing inzwischen tief über dem Hafen von Barcelona, während Carlexander und Briemma ihren strategisch wichtigsten Programmpunkt des Tages ansteuerten: die Atoll Bar. Nach mehreren Stunden kontrollierter Schiffserkundung, therapeutischer Matcha-Milch und demonstrativ ausgelassenem Krafttraining war nun der Moment gekommen, an dem selbst die letzte Restvernunft höflich von Bord gebeten wurde.

„Ich nehme den Double Berry  Spritz“, sagte Briemma und blätterte mit der Ernsthaftigkeit einer Wirtschaftsprüferin durch die Cocktailkarte.

„Natürlich nimmst du den“, antwortete Carlexander. „Der klingt wie ein Getränk, das in einem Instagram-Coachingprogramm 14 Euro extra kostet.“
„Und du?“
„Pomberry Spritz.“

Briemma hob eine Augenbraue. „Also exakt dasselbe Konzept, nur aggressiver benannt?“
„Ich mag Synergien.“

Die Bar selbst wirkte wie die Vorstandsetage eines sehr erfolgreichen Wellnesskonzerns. Gedimmtes Licht, ruhige Musik, gläserne Eleganz, Menschen, die aussahen, als hätten sie niemals in ihrem Leben einen Teams-Call mit schlechter Verbindung erlebt. Irgendwo spielte ein Gitarrist leise spanische Klassiker, während Gäste in Designerhemden langsam an ihren Cocktails nippten, als müssten sie dafür quartalsweise reporten.

Carlexander ließ sich tief in den Lounge-Sessel sinken und betrachtete die umliegende Szenerie mit jener stillen Zufriedenheit, die normalerweise nur Menschen empfinden, die gerade festgestellt haben, dass das Abendbuffet keine Selbstbedienung ist.

„Weißt du“, sagte er und deutete mit seinem Glas Richtung Emporium Marketplace, „das hier ist eigentlich das genaue Gegenteil vom Harbour Market auf der TUI Relax.“
„Wieso?“
„Dort kämpfst du morgens mit dreißig Leuten gleichzeitig um ein Rührei, während jemand rückwärts mit einem Teller voller Wassermelone in dich hineinrollt.“
„Und hier?“
„Hier bekommst du Olivenöl mit erklärender Hintergrundgeschichte und ein Getränk, das aussieht wie ein Designkonzept.“

Briemma nahm einen langen Schluck ihres Double Berry  Spritz.

„Das Publikum ist hier auch deutlich entspannter.“
„Ja“, nickte Carlexander. „Auf der AIDA sprinten manche morgens um sieben mit der Entschlossenheit eines Black-Friday-Kunden Richtung Buffetrestaurant.“
„Vielleicht aus Hunger.“
„Nein. Aus Prinzip. Deutsche Kreuzfahrtgäste haben tief in sich drin Angst, dass die Wurst ausgehen könnte.“

Kurz darauf spazierten beide noch einmal langsam über das Außendeck. Die Luft war warm, das Meer ruhig, irgendwo klapperte dezent Besteck für den Abendservice. Briemma blieb kurz am Whirlpool stehen und hielt ihr Glas gegen das Licht.

„Eigentlich absurd“, sagte sie. „Wir laufen hier seit Stunden nur herum, trinken Cocktails und schauen uns Teppiche an.“
„Das nennt man Explorationsphase.“
„Und wann beginnt die Umsetzung?“
Carlexander nahm einen Schluck.
„Gar nicht. Deshalb ist es Urlaub.“

Als schließlich die ersten Gäste langsam Richtung Abendessen strömten, erhob sich auch das Duo widerwillig aus den Sesseln. Das Ziel des Abends war das Fil Rouge. Französische Küche, ruhige Atmosphäre, kein Tablettverkehr, keine Kinder mit Softeisunfällen, keine Durchsage über Bingo im Theater.

„Bereit?“ fragte Briemma.
Carlexander richtete sein Hemd, blickte noch einmal auf das ruhige Oberdeck und nickte langsam.
„Ja. Zeit für die nächste Eskalationsstufe.“

Das Fil Rouge wirkte an diesem Abend weniger wie ein Restaurant und mehr wie die Empfangshalle eines sehr erfolgreichen europäischen Familienunternehmens, das seine Gewinne diskret in Marmor, Lichtinstallationen und hervorragend trainierte Servicekräfte investiert hatte. Über den offenen Treppen hing ein Kronleuchter aus gläsernen Lichtstäben, irgendwo spielte erneut ein Gitarrist melancholisch vor sich hin, und selbst das Besteck klang beim Ablegen vermutlich französisch.

Charlene, die Hauptkellnerin des Abends, erschien mit jener professionellen Freundlichkeit, die gleichzeitig aufmerksam und vollkommen unaufdringlich wirkte. Innerhalb von fünf Minuten hatte sie Wasser eingeschenkt, die Karten erklärt und nebenbei vermutlich unbemerkt die komplette psychologische Dynamik ihres Tisches analysiert.

„Das ist hier gefährlich“, murmelte Carlexander beim Blick in die Weinkarte.
„Wegen der Preise?“ fragte Briemma.
„Nein. Wegen der Formulierungen. Sobald irgendwo ‘Sommelier’s Selection’ steht, verliert man kurz den Bezug zum normalen Leben.“

Die Sommelière erschien kurz darauf mit einer zusätzlichen Karte und präsentierte sie mit ernster Eleganz. Angebotsweine. Exklusive Ersparnisse.

Carlexander überflog die Liste langsam.
„Interessant.“
„Was denn?“ fragte Briemma.
„Hier wird gerade ernsthaft kommuniziert, dass man 150 Euro spart, wenn man spontan eine 600-Euro-Flasche kauft.“
Briemma nickte langsam.
„Das ist dieselbe Argumentationslogik wie bei Unternehmensberatungen.“
„Absolut. Erst wird künstlich ein absurdes Preisniveau etabliert, danach fühlt sich der geringfügig kleinere finanzielle Schaden wie ein strategischer Sieg an.“

Die Sommelière wartete geduldig, während beide weiterhin die Karte betrachteten, als würden sie über einen Immobilienkauf entscheiden.

„Wir bleiben offen“, sagte Briemma schließlich diplomatisch.
„Für Empfehlungen.“ ergänzte Carlexander schnell, bevor versehentlich ein Bordeaux im Gegenwert eines Kleinwagens dekantiert wurde.

Zum Einstieg erschien ein Ruby Tawny Port als Aperitif. Dunkelrot, weich, schwer, fast dessertartig. Briemma nahm einen kleinen Schluck und lehnte sich zurück.

„Das schmeckt wie ein gemütlicher Kaminabend mit Steuerberater.“
Carlexander nickte zustimmend.
„Oder wie Weihnachten in einer sehr wohlhabenden portugiesischen Familie.“

Kurz darauf kam die Zwiebelsuppe. Goldbraun gratiniert, dampfend heiß, exakt jene Art von Gericht, die Menschen automatisch langsamer sprechen lässt. Während draußen irgendwo Barcelona vorbeizog, entstand am Tisch jene besondere Ruhe, die nur gutes Essen und vollständige Verantwortungslosigkeit erzeugen können.

„Eigentlich faszinierend“, sagte Carlexander und blickte kurz durch den Saal. „Den ganzen Tag versuchen Menschen an Bord, maximal entspannt auszusehen.“
„Und?“
„Man erkennt sofort die Deutschen.“
„Woran?“
„Die entspannen mit Leistungsdruck.“

Briemma musste lachen.
„Du meinst diese Leute, die um sechs Uhr morgens schon den kompletten Tagesplan optimieren?“
„Ja. Pool, Sauna, Pilates, Weinverkostung, Silent Disco und Detox-Smoothie. Alles effizient hintereinander getaktet wie ein SAP-Einführungsprojekt.“

Charlene erschien erneut am Tisch, freundlich lächelnd, vollkommen ruhig.
„Everything Fine?“
„Sehr“, sagte Briemma.
Carlexander nickte ernst.
„Sie hat kurzfristig meine Beziehung zur französischen Küche stabilisiert.“

Charlene lächelte professionell weiter. Man merkte ihr an, dass sie auf diesem Schiff bereits deutlich seltsamere Aussagen gehört hatte.

Mit jeder neuen Vorspeise begann der Abend zunehmend wie eine kulinarische Managementsimulation mit sehr hohem Budget zu wirken. Erst erschien die klare Rinder-Consommé von Briemma. Dunkel, präzise, beinahe einschüchternd transparent. Kleine Gemüsestreifen schwammen darin wie sorgfältig abgestimmte KPI-Dashboards.

Carlexander betrachtete die Tasse kurz.
„Das ist keine Suppe mehr.“
„Was dann?“ fragte Briemma.
„Ein auditierter Fleischfonds.“

Kurz darauf kam das Jakobsmuschel-Carpaccio. Hauchdünn geschnitten, glänzend, mit Kaviar und einer einzelnen perfekt gesetzten Jakobsmuschel in der Mitte, als hätte ein französischer Architekt beschlossen, nun doch noch Koch zu werden.

Beide schwiegen kurz respektvoll.

„Man traut sich kaum reinzustechen“, sagte Briemma.
„Das Gericht hat vermutlich mehr Abstimmungsmeetings hinter sich als manche Konzernstrategie.“

Der Blauflossen-Thunfisch von Carlexander erschien dagegen mit deutlicherem Selbstbewusstsein. Tiefrot angebraten, dazu kleine Würfel, Kapern und Kräuter. Es sah exakt nach jener Art Gericht aus, die Menschen bestellen, die irgendwann begonnen haben, Weinbeschreibungen ernst zu nehmen.

Charlene stellte den Teller ab.
„Der Tataki vom Blauflossen-Thunfisch.“
Carlexander nickte feierlich, als würde gleich ein Staatsvertrag unterzeichnet.

Der Wein wurde nachgeschenkt. Langsam. Ruhig. Professionell. Das Schiff bewegte sich kaum merklich durch die Nacht, während im Fil Rouge weiterhin Menschen in gedämpfter Lautstärke über Hummer, Trüffel und Cabernet Sauvignon sprachen, als seien das völlig normale Alltagsthemen.

Dann kam Briemmas Beef Tartar.

Klein. Präzise angerichtet. Drei hauchdünne Parmesan-Chips ragten daraus hervor wie moderne Kunstinstallation in einer Unternehmenslobby.

„Das ist absurd“, sagte Carlexander.
„Was genau?“
„Dass rohes Rindfleisch inzwischen aussieht wie etwas, das man versichern lassen muss.“

Briemma probierte einen Bissen und nickte anerkennend.
„Sehr gut.“
„Wie gut?“
„So gut, dass man kurz glaubt, Frankreich hätte tatsächlich alle kulturellen Diskussionen gewonnen.“

Als Hauptgang erschien schließlich der Hummer Thermidor. Überbacken, cremig, schwer, vollkommen kompromisslos luxuriös. Daneben Pilaw-Reis in einer kleinen Schale, als wolle das Restaurant zumindest symbolisch noch etwas Bodenständigkeit simulieren.

Carlexander sah den Hummer einige Sekunden schweigend an.

„Das Tier hat vermutlich nie gedacht, dass seine letzte Station eine französische Käsekruste auf einem Kreuzfahrtschiff wird.“

Briemma nahm einen Schluck Wein.
„Immerhin stilvoll.“

Am Nebentisch wurde gerade sehr ernsthaft über Burgunder gesprochen. Weiter hinten erklärte ein Mann mit auffallend heller Leinenhose den Unterschied zwischen zwei Chablis-Jahrgängen mit der emotionalen Intensität einer geopolitischen Analyse.

Carlexander lehnte sich zurück.

„Weißt du, was faszinierend ist?“
„Hm?“
„Alle hier tun so, als wäre das vollkommen normal.“
„Vielleicht ist es das für manche.“
„Das macht es noch irritierender.“

Charlene erschien erneut lautlos am Tisch.
„Anything else, we can do for you?“

Carlexander blickte auf den leeren Hummerpanzer.

„ No thank you, everything was excellent.“

Nach dem Essen zog es alle langsam nach oben Richtung Deck 14. Die Sonne hing bereits tief über dem Wasser, dieses leicht goldene Licht lag über den Glasfronten der Sky Bar, und irgendwo zwischen Whirlpool, Joggingstrecke und den ersten Cocktailgläsern begann plötzlich dieses typische Kreuzfahrtgefühl, das vorher den ganzen Tag noch wie ein etwas zu teures Hotelprojekt wirkte.

Der DJ spielte beim Ablegen entspannte Lounge- und House-Musik, während sich entlang der Reling langsam die besten Plätze füllten. Menschen standen mit Drinks in der Hand schweigend Richtung Hafen gedreht, als würde gleich ein sehr emotionaler Werbespot beginnen.

Carlexander hob sein Glas.
„Also das hier ist schon stark.“
Briemma nickte.
„Das Licht, die Musik, die Aussicht …“
„Ja. Aber irgendwas fehlt.“

Und tatsächlich: Kein großes Sail-Away-Ritual. Kein hymnischer Moment. Kein kollektives Mitschunkeln mit leicht peinlicher Euphorie. Weder TUIs „Große Freiheit“ noch das legendäre AIDA-Sail-Away liefen. Das Schiff glitt einfach elegant und beinahe sachlich aus dem Hafen, während der DJ entspannt weiter mixte, als wäre das hier eine Rooftop-Bar in Dubai.

„Die Amerikaner verstehen das Konzept von deutschem Fernweh-Schlagerpathos vermutlich nicht“, sagte Carlexander.
„Vielleicht besser so.“

Später saßen sie mit ihren Cocktails in der Explora Journeys Lounge zwischen Engländern, Kanadiern, Amerikanern und Menschen, deren Akzente irgendwo zwischen Sydney und Toronto lagen. Internationale Atmosphäre. Weltläufig. Kosmopolitisch.

Und natürlich dauerte es exakt zwölf Minuten, bis sich herausstellte, dass die beiden zufälligen Paare neben ihnen aus Siegburg und Hennef kamen.

Carlexander lehnte sich langsam zurück.
„Das Universum trollt mich.“
„Warum?“ fragte einer der Männer lachend.
„Man fährt auf ein internationales Luxusschiff voller Nationen … und landet trotzdem wieder im Rhein-Sieg-Kreis.“

Die Gespräche wurden sofort erstaunlich lokal. Irgendwann ging es um den ICE nach Köln, Baustellen auf der A3 und die Frage, ob Bonn eigentlich noch Großstadt sei oder nur sehr ambitionierte Verwaltungsromantik.

Auf der Bühne begann inzwischen die Mowton Musik Show. Sängerinnen und Sänger unter perfektem Licht, dahinter glitzernde Animationen wie eine Mischung aus Las Vegas, Eurovision und Premium-PowerPoint-Präsentation eines sehr motivierten Eventmanagement-Teams.

Darunter Izzy, die charmante vermeintliche Empfangsdame an der Musterstation am Mittag, die uns freundlich die Sicherheit an Bord erklärte, die hier als Hauptsängerin eine starke Show lieferte.

Die Drinks wurden nachbestellt. Briemmas Cocktail mit Basilikum und Ananas sah aus wie ein Wellness-Retreat in Glasform. Carlexanders Old Fashioned dagegen wirkte wie ein Getränk für Menschen, die anfangen, über Immobilienpreise in Küstenlagen zu diskutieren.

Irgendwann sah Carlexander in die Menge. Überall saßen Menschen mit Wein, Cocktails oder Champagner und blickten gleichzeitig entspannt und leicht überfordert glücklich auf die Bühne.

„Weißt du“, sagte er leise, „das Verrückte ist nicht der Luxus.“
„Sondern?“
„Wie schnell man sich daran gewöhnt.“