2025-04-15 – Tag 8: Rosafarbener Cocktail mit Zitronenscheibe

Reiseepisode

2025-04-15 – Tag 8: Rosafarbener Cocktail mit Zitronenscheibe

Tag 8 · 2025-04-15 · Valencia

Der achte Reisetag in Valencia verdichtete sich zur Mittagszeit auf ein Glas, das bereits farblich mehr Entschlossenheit zeigte als Carlexander. Der rosafarbene Cocktail wurde vor dem Fenster gehalten, dahinter lagen Himmel und Wasser in deutlich zurückhaltenderen Tönen. Eine Zitronenscheibe saß am Glasrand und erfüllte ihre dekorative Aufgabe ohne weitere Rückfragen. Carlexander betrachtete die Anordnung mit müder Würde. „Das wirkt erstaunlich geplant“, sagte er.

Briemma ließ den Blick vom Wasser zum Getränk wandern und stellte ihren Gehstock ruhig neben sich. „Es ist ein Cocktail, kein Ablaufplan.“ Damit war die organisatorische Einordnung abgeschlossen. Das Glas blieb einen Moment über der Aussicht stehen, als müsse zunächst geklärt werden, ob man den Tag betrachten oder trinken wollte. Valencia war weiterhin die Station, doch an Bord begann bereits jener Teil des Reisens, bei dem Wege kürzer und Mahlzeiten wichtiger wurden.

Rosafarbener Cocktail mit Zitronenscheibe

Am Abend war die Farbpalette weniger verspielt, dafür erheblich belastbarer. Auf dem Holztisch stand ein Teller mit geschnittenem Steak in Sauce, begleitet von Brokkoli, Kartoffelpüree und Roter Bete. Daneben wartete ein Glas Rotwein, während ein Besteckhalter die diskrete Botschaft vermittelte, dass nun ernsthaft gegessen werden durfte. Carlexander musterte erst den Teller und dann den Wein, als prüfe er eine besonders angenehme Form der Reiseplanung.

„Du kannst anfangen“, sagte Briemma. „Der Wein braucht keine Freigabe.“ Carlexander nahm den Hinweis mit jener Fassung auf, die gewöhnlich entsteht, wenn eine sorgfältig vorbereitete Kontrolle durch Hunger ersetzt wird. Das Essen wirkte nicht wie eine beiläufige Zwischenstation, sondern wie ein sauber gesetzter Ruhepunkt: kräftiges Fleisch, Gemüse, Püree und die dunkle Farbe des Rotweins auf dem Tisch.

Danach folgte Kuchen mit cremiger Füllung und Pistaziensplittern. Er lag auf Papier auf dem Holztisch und war teilweise von einem Tuch bedeckt; daneben stand ein leeres Glas, das seinen Beitrag zum Abend offenbar bereits geleistet hatte. Briemma hob das Tuch nur so weit an, wie es für die Begutachtung nötig war. Carlexander sah die Pistazien und gab jede verbliebene Vorstellung von Zurückhaltung ohne öffentliche Erklärung auf.

Der weitere Weg führte in das deutlich inszeniertere Ambiente von LA CAGE. Vor einer gewellten Wand stand eine symmetrisch aufgebaute Installation: goldene Ständer mit mehreren Gläsern, ein hölzernes Podium mit rotem Sitz und im Mittelpunkt ein beleuchteter Vogelkäfig mit einer Figur. Es war eine jener Anordnungen, die keinen praktischen Zweck behaupten und gerade deshalb sehr konzentriert betrachtet werden. Carlexander blieb stehen. „Ich nehme an, das gehört so.“ Briemma nickte. „Das ist bei Kunst eine brauchbare Ausgangslage.“

Am runden Tisch setzte sich die Inszenierung in kleinerem Maßstab fort. Zwei Cocktailgläser standen auf Servietten, dazu eine Spielkarte mit einer Frau in Tanzpose und drei Stäbchen; rote Vorhänge und ein blauer Sitzsack lagen im Hintergrund. Nichts daran wirkte zufällig, selbst wenn der genaue Zusammenhang nicht erklärt wurde. Carlexander betrachtete die Karte länger als nötig, vermutlich weil sie aussah, als kenne sie die Regeln des Abends bereits.

Ein weiterer Cocktail erschien kühl im Martini-Glas, umgeben von Grissini auf Servietten; dahinter war ein Menü zu sehen. Briemma nahm die schmalen Stäbchen als das, was sie waren: eine pragmatische Begleitung zum Getränk. „Du wolltest doch einen Überblick“, sagte sie. Carlexander sah vom Menü zum Glas. „Der Überblick wird zunehmend flüssig.“ Das war keine Klage, eher eine sachliche Bestandsaufnahme.

Aus einer anderen Perspektive zeigte sich der beleuchtete Vogelkäfig auf einer Holzkonsole, flankiert von zwei goldenen Vierfuß-Kandelabern. Im Käfig befand sich ein rotes Objekt mit gelbem Muster, davor stand eine rote Sitzbank. Schließlich bestätigte ein Schild an der Holzwand den Zusammenhang in großen Buchstaben: „LA CAGE“, darunter „BURLESQUE“, „BAR“ und „CASINO“. Damit besaß die aufwendige Szenerie wenigstens eine klare Beschriftung, was Carlexander sichtbar beruhigte.

Später verlagerte sich der Blick zur beleuchteten Bühne. Dort stand die Küchencrew zusammen, lächelnd und mit Flaggen in den Händen, als Teil einer Feier oder Präsentation. Nach Steak, Kuchen und mehreren Cocktails bekam damit auch jene Arbeit ein Gesicht, die während des Essens gewöhnlich hinter Tellerrändern verschwindet. Briemma sah zur Bühne. „Das ist immerhin ein nachvollziehbarer Anlass für Applaus.“ Carlexander widersprach nicht.

In der Abenddämmerung versammelten sich Menschen an Bord um Tische mit Kerzen und unterhielten sich, während im Hintergrund eine Bühne in leuchtenden Farben lag. Der Abend hatte sich vom einzelnen Glas über sorgfältig angerichtete Teller und die Barinszenierung bis zu einer größeren Feier erweitert. Carlexander versuchte nicht mehr, daraus einen Plan abzuleiten. Das war für seine Verhältnisse entweder Erholung oder eine späte Form vernünftiger Kapitulation.

Abseits der beleuchteten Szene lag das Meer unter einem Farbverlauf von Blau zu Orange. In der Ferne war schwach die Silhouette einer Insel oder Landmasse zu erkennen, während die nähere Umgebung bereits dunkel blieb. So endete dieser Abschnitt des Tages nicht mit einer weiteren Programmpointe, sondern mit einem ruhigen Blick hinaus. Briemma stand neben Carlexander, und beide ließen Valencia, das Schiff und den langen Abend für einen Moment einfach unkommentiert. Mehr Ordnung war nicht erforderlich.