Reiseepisode
2025-04-10 – Tag 3: Kirche im Stadtviertel
Tag 3 · 2025-04-10 · Málaga
Málaga begann an diesem dritten Reisetag nicht mit einer großen Sehenswürdigkeit, sondern mit einer gepflasterten Straße zwischen historischen Häusern. Straßencafés hatten Tische und Stühle aufgestellt, Pflanzenkästen grenzten die Wege ab, und im Hintergrund behauptete sich eine rot gefasste Kirche zwischen mehrstöckigen Gebäuden. Carlexander blieb stehen und betrachtete die Fassade mit der roten Brille eines Reisenden, der bereits ahnte, dass der geplante Rundgang länger werden würde. Briemma setzte ihren Gehstock ruhig auf das Pflaster. „Du wolltest doch nur kurz schauen“, sagte sie.
Von der Straße führte der Weg in einen Park, wo mehrere Vögel über den grünen Rasen liefen und Palmen den Hintergrund bestimmten. Ein grüner Papagei bewegte sich zwischen kleineren Vögeln, während ein klassisches Gartenhaus hinter einem schmiedeeisernen Zaun lag. Alte Bäume, Pflanzen und Steine gaben dem Gelände eine gepflegte Ruhe, ohne daraus eine feierliche Angelegenheit zu machen. Carlexander versuchte, Kirche, Vögel und Gartenhaus gedanklich zu einer sinnvollen Route zu ordnen. Málaga zeigte sich davon unbeeindruckt.



Weiter im Park stand eine Büste auf ihrem Denkmal zwischen hohen Palmen und grünen Sträuchern. Der Himmel war bewölkt, was der Szene ein gedämpftes Licht gab und die Statue noch unbeweglicher wirken ließ, als Statuen ohnehin wirken. Briemma betrachtete sie kurz und ging weiter. Carlexander blieb einen Moment länger stehen, weil Denkmäler den angenehmen Eindruck vermitteln, jemand habe an dieser Stelle wenigstens einmal Ordnung geschaffen.
Ein breiter Schotterpfad führte zwischen Hecken, Laternenpfählen, Palmen und weiteren tropischen Pflanzen hindurch. Danach wurde der Bewuchs dichter: Tannen standen über trockenem Gras, im Hintergrund waren Bänke und einige Menschen zu sehen. Der Wechsel von Palmen zu Tannen erfolgte ohne Erklärung und offenbar auch ohne Zuständigkeitsdebatte. „Ein vielseitiger Park“, sagte Carlexander. „Oder ein Park ohne deinen Kontrollreflex“, erwiderte Briemma.
Zwischen üppigem Grün fiel eine einzelne Blume im Vordergrund auf, dahinter standen erneut Palmen. Schließlich saß ein grüner Papagei ruhig auf einem Ast und verschwand farblich beinahe im dichten Laub. Carlexander sah nach oben, der Papagei zurück, und keiner von beiden hielt eine Stellungnahme für erforderlich. Briemma nutzte die Pause, um das Tempo des Spaziergangs neu festzulegen. Das war praktisch, denn ihr Gehstock und nicht Carlexanders Reiseplanung bestimmte hier den vernünftigen Rhythmus.





Am Hafen änderte sich die Kulisse deutlich. Ein großes historisches Segelschiff lag mit mehreren Masten am Kai, während Menschen das Schiff besichtigten und sich unter einem weißen Informationszelt sammelten. Nach den stillen Wegen des Parks wirkte das alte Schiff wie ein sehr aufwendiger Hinweis darauf, dass Reisen früher noch mehr Seil und deutlich weniger Komfort verlangte. Carlexander musterte die Takelage mit müder Anerkennung.
Briemma blieb neben ihm stehen und betrachtete das Treiben am Kai. „Du würdest zuerst einen Ablaufplan für die Masten verlangen“, sagte sie. Carlexander widersprach nicht, denn die Zahl der Leinen machte eine gewisse organisatorische Vorsicht nachvollziehbar. Sie schlossen sich der Besichtigung nicht weiter an, sondern nahmen das Schiff als markanten Übergang zwischen Hafen und Stadt. Málaga hatte für den Rundgang noch genügend andere Richtungen vorgesehen.

Ein detaillierter Stadtplan von Málaga versprach Orientierung und markierte Museen, Monumente sowie historische Gebäude in mehreren Sprachen. Carlexander studierte die Kategorien mit sichtlicher Erleichterung, während Briemma bereits auf die Stadt blickte. Bald stand die Kathedrale mit ihrer großen Fassade, den Türmen und dem Eingangstor vor ihnen; Besucher saßen, standen in Gruppen oder bewegten sich über den Platz. Die Karte erklärte das Ziel, aber nicht die vielen kleinen Umwege, die eine Altstadt grundsätzlich zwischen Ausgangspunkt und Sehenswürdigkeit legt.
Ein Stadtgarten mit gepflegtem Rasen, zwei markanten Säulen und Menschen auf einer Bank brachte eine kurze ruhigere Passage. Danach erschien die Kathedralenfassade noch einmal aus größerer Nähe, diesmal mit einem kunstvoll verzierten Eisengitter vor dem Eingang und blauem Himmel darüber. Carlexander betrachtete die Architektur, Briemma die Wegführung. „Beeindruckend“, sagte er. „Und immer noch nicht das Ende des Rundgangs“, stellte sie fest.
Die Straßen lieferten anschließend eine eigentümlich zuverlässige Mischung aus Andacht und Handel. Körbe mit Kräutertees wie Té de Málaga und Té Jazmín standen neben weiteren Kräutern und Gewürzen, wenig später hing an einer Fassade das Schild des Restaurants La Mafia neben dem Eingang eines Juweliergeschäfts. Eine reich verzierte gotische Kirchenfassade mit Türmen und großem Rosettenfenster führte zurück zum eigentlichen Thema des Buckets. Am Gittertor der Iglesia del Sagrado Corazón de Jesús informierte ein Plakat über die Eröffnung am 12. Mai 1920, den neogotischen Stil und die Architekten Fernando Guerrero Strachan und Manuel Rivera Vera.
Die nächste Folge war weniger streng kuratiert: zahlreiche bunte Entenfiguren in Regalen, eine farbige Mosaikfassade mit Menschen davor und dahinter ein Turm mit Kreuz. Ein historischer Steinturm mit mehreren Ebenen und Balkonen setzte die architektonische Linie fort, bevor die belebte Fußgängerzone wieder Geschäfte, Passanten und Reisegepäck in den Vordergrund rückte. Carlexander nahm jede Fassade gewissenhaft zur Kenntnis. Briemma bemerkte trocken, dass eine vollständige Erfassung sämtlicher Balkone nicht zum offiziellen Tagesprogramm gehöre.
Ein runder Platz mit einem Beet aus roten und dunklen Pflanzen öffnete den Weg zur nächsten belebten Straße, auf der Menschen gingen, stehen blieben oder miteinander sprachen. Vor der Alcazaba bewegten sich Besucher an Treppen und historischen Mauern; dahinter lagen die steinernen Sitzreihen und die Holzbühne des römischen Theaters vor einer alten Festungsmauer. Eine Holzplatte mit eingravierten lateinischen Schriftzeichen setzte den historischen Akzent fort. Den Schlusspunkt des Stadtrundgangs bildete eine Bronzeskulptur: eine große Hand mit einer Taube, ruhig auf einem Podest vor den Geschäften.


















Zurück an Bord der Mein Schiff Relax wurde der Hafen wieder zur Aussicht statt zur Wegstrecke. Im Salon standen blaue und beige Sessel und Couchen um niedrige Tische, hinter den großen Fenstern lag das Containerterminal. Nach Pflaster, Parkwegen und Treppen hatte selbst Carlexander nichts gegen eine sitzende Form der Ortsbeobachtung einzuwenden. Briemma wählte einen Platz, stellte ihren Gehstock griffbereit ab und erklärte damit den Rundgang ohne weitere Abstimmung für beendet.
Auf der Terrasse stand ein Glas Rosé auf dem Tisch, dahinter lagen weiße Stühle, Hafen und Meer. Carlexander betrachtete die Farbe mit jener Sorgfalt, die er bei Stadtplänen und Weingläsern gleichermaßen für sachlich geboten hielt. „Jetzt kommt die Analyse“, sagte Briemma. „Nur eine Beobachtung“, antwortete er. Der Unterschied war klein, aber für Carlexander offenbar von grundsätzlicher Bedeutung.
Kaffee und Tee folgten auf einem Marmortisch, begleitet von drei kleinen Schalen mit Snacks. Später lag eine Sushi-Auswahl mit Lachs- und Garnelennigiri, Gurke, Garnelen und einer Schale Sojasauce bereit. Der Nachmittag wechselte damit von historischer Architektur zu übersichtlichen Portionen, was Carlexander als erfreulich klare Struktur empfand. Briemma ließ diese Einschätzung gelten, weil sie ausnahmsweise keine Auswirkungen auf den weiteren Weg hatte.




Am Abend lag das Taufmenü vor ihnen. Auf dem Blatt standen unter anderem Ceviche, Tiroler Steinpilzcremesuppe und Nougat-Mandel-Tarte; angegeben waren 59 Euro pro Person. Carlexander las das Angebot mit konzentrierter Ruhe, als müsse er zwischen mehreren strategischen Möglichkeiten entscheiden. Briemma sah kurz über das Blatt. „Es ist ein Menü, kein Maßnahmenkatalog“, sagte sie.
Serviert wurden unter anderem Garnelen mit Zitronenscheiben und Petersilie sowie drei cremige Portionen mit Salat auf einem zweiten Teller. Nach dem langen Rundgang durch Málaga hatte das Essen den Vorzug, nicht mehr erlaufen werden zu müssen. Carlexander würdigte die klare Anordnung auf den Tellern, Briemma den Umstand, dass nun niemand mehr eine Abkürzung vorschlug. Damit endete der kulinarische Teil des Tages angenehm unspektakulär.
Später lag der Poolbereich des Kreuzfahrtschiffs unter blauer Beleuchtung. Stufen, Geländer und Pflanzenkübel zeichneten sich in der modernen Architektur ab, während es rund um das Wasser ruhig geworden war. Der Tag hatte mit einer Kirche zwischen Stadthäusern begonnen und über Parkwege, Hafen, Kathedralen, Plätze und historische Mauern zurück an Bord geführt. Carlexander hielt diese Reihenfolge im Nachhinein für durchaus schlüssig.
Briemma sah über den beleuchteten Bereich und stützte sich ruhig auf ihren Gehstock. „Morgen planst du wieder weniger“, sagte sie. Carlexander schwieg mit jener müden Würde, die gewöhnlich bedeutete, dass er innerlich bereits eine Route entwarf. Für diesen Abend blieb es jedoch bei der Aussicht und der Feststellung, dass Málaga genügend Eindrücke geliefert hatte. Mehr Ordnung musste der Tag nicht mehr bekommen.


